«Ich bin noch nicht da, wo ich hinwill»

HANDBALL ⋅ Daphne Gautschi wechselte im letzten Sommer vom LK Zug zum französischen Spitzenklub Metz. Die 17-jährige Rückraumspielerin spricht über Sprachprobleme, Heimweh und das Highlight in der Champions League.
28. November 2017, 00:00

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Daphne Gautschi, am Wochenende standen Sie mit dem Schweizer Nationalteam am Vierländerturnier in Tschechien im Einsatz. Gegen den Gastgeber schieden Sie verletzt aus. Was ist passiert?

Ich war selber schuld. Ich wollte zu viel auf einmal, wechselte zu schnell die Seite und übertrat mir den Fuss. Er ist ein bisschen geschwollen, aber Bänder sind keine gerissen. Gegen Österreich hatte ich am Tag danach schon wieder einen Kurzeinsatz.

Im Matchbericht auf der Website des Schweizerischen Handballverbands heisst es, dass die Nationalauswahl nach Ihrem Ausfall für zehn Minuten den Faden komplett verloren hat. Ist Ihr Stellenwert schon so gross?

Davon habe ich nicht viel mitbekommen, weil ich neben der Seitenlinie am Boden lag. Wir hatten relativ kleine Spielerinnen auf dem Platz. Als ich ausfiel, konnte nur noch Xenia Hodel aus dem Rückraum werfen, deshalb hatte das Team Mühe, in Schwung zu kommen. Da wir viele Absenzen hatten, war meine Rolle an diesem Turnier etwas wichtiger.

Letzte Saison etablierten Sie sich beim LK Zug in der SPL1, im Juni spielten Sie mit 16 Jahren erstmals für die Schweiz. Und kürzlich haben Sie mit Metz in der Champions League debütiert. Wie erlebten Sie dieses Highlight?

Ich war mega glücklich, dass ich nur schon dabei sein konnte. Zwei Spielerinnen hatten sich verletzt, und so war ich erstmals im Aufgebot der 1. Mannschaft. Mit einem Einsatz rechnete ich aber nicht. Als mich der Trainer dann auf den Platz schickte, stieg meine Nervosität nochmals an.

Das hinderte Sie aber nicht daran, gleich ein Tor zum 27:21-Sieg gegen den deutschen Meister Bietigheim beizutragen.

Eigentlich war ich schon wieder auf dem Weg zurück zur Bank, als es zu einem Foulspiel kam. Daraufhin habe ich ein Kreuzen verschlafen, ich rannte auf die falsche Seite. Da ich nicht angegriffen wurde, dachte ich: «Wirf aufs Tor! Wenn er nicht reingeht, ist es nicht schlimm.» Als der Ball in der mit 4500 Zuschauern fast vollen Halle im Netz landete, war das ein geiles Gefühl.

Vor knapp zwei Jahren erhielten Sie von Ihrem Vater am Master Cup in Zug 20 Franken, weil Sie etwas Besonderes ausprobierten und einen Pass hinter dem Rücken spielten. Was gab es diesmal?

Stimmt, ich sollte mit ihm wieder etwas vereinbaren. Im Moment ist es so, dass es von ihm keine finanzielle Belohnung mehr gibt. Mittlerweile erwartet er von mir einfach nur noch solche Aktionen (lacht).

In den Medien wurden Sie aufgrund Ihres schnellen Aufstiegs als Handball-Wunderkind bezeichnet. Sehen Sie sich auch so?

Nein, das nicht. Es ist zwar cool, wenn ich so genannt werde, aber hinter meiner Entwicklung steckt nicht nur Talent, sondern auch viel Glück und harte Arbeit. Bisher hatte ich noch keine grössere Verletzung. Zudem profitiere ich von einem guten Umfeld mit Familie und Freunden. Darüber hinaus bin ich ehrgeizig genug, um nicht abzuheben. Ich sehe mich nicht besser als alle anderen. Vielmehr weiss ich, dass ich noch nicht da bin, wo ich hin will.

In der Schweiz schafften Sie den Durchbruch mit Ihrer Sprung- und Wurfkraft im linken Rückraum. In Metz sieht man Sie aber auf einer anderen Position.

Da ich nicht sehr gross bin (1,73 Meter, Anm. d. Red.) spiele ich hier auf Rückraum Mitte. Das ist völlig okay, aber eine grosse Herausforderung. Ich muss an meine Mitspielerinnen denken und gleichzeitig torgefährlich sein. Im linken Rückraum musste ich nicht viel denken, sondern konnte einfach machen.

Wie haben Sie sich grundsätzlich im Internat eingelebt, wo Sie neben dem Handball die letzten beiden Jahre des Gymnasiums bestreiten?

Alles ist neu, allmählich gewöhne ich mich aber daran. Es waren strenge Monate in der Schule. Französisch war zwar mein bestes Fach, doch das waren nur Grundlagen. Wenn ich hier in der Physik über Atome sprechen soll oder in der Geschichte einen wirtschaftlichen Aufschwung zu erklären habe, ist das etwas ganz anderes. Ich hatte auch mit Heimweh zu kämpfen, was ich so nicht erwartet hatte. Das Leben im Internat ist derweil ziemlich streng, ich habe nicht viel Privatsphäre. Ich hoffe, bald fix ins Centre Formation wechseln zu können, wo ich ein eigenes Zimmer habe. Dazu muss ich noch etwas kochen lernen. Spaghetti, Auflauf oder Pancakes habe ich aber schon ganz gut drauf (lacht).

Wie lautet Ihr nächstes Ziel?

Ich hoffe auf regelmässige Trainings mit der 1. Mannschaft und nicht nur auf zufällige Aufgebote wegen Verletzungen. Bisher kam ich in der zweiten Auswahl in der dritthöchsten Liga zu viel Spielpraxis, wo ich mich mit sehr motivierten französischen Junioren-Nationalspielerinnen messen kann. Ich will meine Wurftechnik mit dem Handgelenk verbessern, ich arbeite an überraschenden Abschlüssen wie etwa mittels Schlenzern, und ich darf nicht ständig vergessen, wie ich den Kreisläufer zu positionieren habe.

Rückraumspielerin Metz


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