«Ich war kein Patron, sondern Spielleiter»

HANDBALL ⋅ 41 Jahre lang war er Schiedsrichter, über 1000 Spiele hat er geleitet, nun ist Jean-Pierre Wittinger (59) zurückgetreten. Ein Rückblick auf eine besondere Karriere.
27. Juni 2017, 00:00

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

30. April 2017, Rossmooshalle in Emmen, 53 Zuschauer. Das Drittligaspiel zwischen Emmen und Malters endete 33:29 für die Gastgeber. Sportlich ging es für beide Teams um nichts mehr, trotzdem wird an diesem Sonntag ein Stück Handballgeschichte geschrieben. Es war nämlich die Schlussvorstellung von Jean-Pierre Wittinger als Schiedsrichter – und dies nach 41 Jahren.

«Es war ein spannender letzter Match, die beiden Mannschaften haben den Wittinger nochmals gefordert. Es war ein guter Abschied», sollte der 59-jährige Kernser später sagen. Abgerundet wurde seine Derniere mit dem Besuch einer Dreierdelegation des BSV Stans, die mit ihm auf Vergangenes und Zukünftiges anstiess. Seit 1984 arbitrierte er für die Nidwaldner, die ihn mittlerweile zum Ehrenmitglied ernannt haben. Seine Frau Bea überreichte ihm zudem eine goldene Pfeife mit einer Gravur. Doch dazu später mehr.

Die Anfrage, ob er sich gerne als Schiedsrichter versuchen würde, erhielt Jean-Pierre Wittinger schon mit 18 Jahren. Seine Aktivkarriere als Junior von Borba Luzern hatte der Krienser gerade beendet, weil er «handballerisch nicht der Hirsch» war, wie er es amüsant umschreibt. Seine Zeit in der Sporthalle als Spielleiter zu verlängern, erschien ihm durchaus reizvoll, «schon damals suchte man Schiedsrichter, und ich wollte dem Verein helfen». Dass seine Laufbahn so lange dauern würde, war natürlich nicht absehbar, heute begründet er das so: «Es hat mir Spass gemacht, trotz aller Widrigkeiten. Ein Schiedsrichter kann es letztlich nicht allen recht machen.»

Ein sehr kommunikativer Schiedsrichter

Wie viele Einsätze es am Ende waren, kann der Mann mit dem markanten Schnurrbart nur schätzen. Wenn man davon ausgeht, dass ihm jede Saison 30 Partien zugeteilt wurden, dürften es rund 1200 gewesen sein. Meistens pfiff er an einem Spieltag gleich zwei Begegnungen hintereinander, «nur für ein Spiel etwa nach Hasle zu reisen, hätte für mich wenig Sinn gemacht», erklärt er. Sein Tätigkeitsgebiet war die Zentralschweiz, höher als in der 2. Liga pfiff er nie, in den letzten Jahren wirkte er in der 3. und 4. Liga sowie im Nachwuchsbereich. Er sei ein sehr kommunikativer Schiedsrichter gewesen, «ich habe mit den Spielern geredet und zwischendurch auch mal auf dem Platz sofort ­einen Fehler eingestanden. Mir lag nichts daran, arrogant aufzutreten. Ich war kein Patron, sondern ein Spielleiter.»

Negative Erinnerungen? «Keine einzige!»

Negative Erinnerungen, und das vermag doch zu erstaunen, habe er keine einzige. «Weil Emotionen des Trainers wegen eines Entscheids von mir nichts Negatives sind. Die Bewältigung solcher Momente gehörte einfach dazu. Rückblickend sind das Peanuts.» In den letzten Jahren habe er ohnehin festgestellt, dass der Respekt gegenüber den Schiedsrichtern gestiegen sei. «Trainer und Spieler wissen, dass es uns braucht und sie nicht nur über uns ausrufen sollten.» Was auf dem Platz nicht geklärt werden konnte, liess sich meistens danach in der Klubbeiz regeln. Diese dritte Halbzeit gehörte für Wittinger dazu, «ich war nie einer, der nach dem Spiel sofort weggerannt ist». In Brunnen sei es nach einem 2.-Liga-Spiel einst so feuchtfröhlich zu- und hergegangen, dass sie morgens um 2 Uhr wieder die Tore aufstellten, um Handball zu spielen.

Tanzt nun die Ehefrau nach seiner Pfeife?

Nun also ist Schluss mit der Schiedsrichterei, ganze Samstag- oder Sonntagnachmittage werden nun frei für den kaufmännischen Angestellten im Rechnungswesen der Suva in Luzern. Was er damit anfangen werde? «Golf spielen zum Beispiel. Oder mir mehr Spiele des BSV Stans anschauen. Oder mit meiner Frau irgendwohin fahren. Es wäre ja verrückt, wenn wir mit der Zeit nichts anzufangen wüssten», sagt er.

Bleibt noch die Aufklärung der Gravur auf der goldenen Pfeife, die ihm Bea geschenkt hat. «Si tu me désires, siffle!», heisst es dort. Wenn du mich wünschst, pfeife! Ob er sie benutze? Jean-Pierre Wittinger lacht und sagt: «Ich hoffe nicht, dass das nötig sein wird.» 41 Jahre lang die Spieler nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, ist ja eigentlich genug.


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