Beziehungskrise schwelt weiter

KATHOLIKEN ⋅ Wie soll die konservative Minderheit in die Kirchgemeinde eingebunden werden? Diese Frage stellt sich zurzeit bei den Stadtluzerner Katholiken. Doch die Annäherung gestaltet sich als schwierig.
13. März 2017, 00:00

Remo Wiegand

stadt@luzernerzeitung.ch

Für die Katholiken hat die Fastenzeit begonnen. Es ist eine Zeit der Stille und Einkehr, der Busse und Umkehr. Doch die Besinnlichkeit wird in der Stadt Luzern von familieninternen Diskussionen gestört, die bisweilen hitzig werden können. Immer noch wirkt die Kirchenratswahl vom vergangenen Dezember nach. Der unterlegene Kandidat Philipp Wilhelm hatte auf dem rechtskatholischen Portal kath.net mit einer harschen Anklage gegen das liberale Lager reagiert. Nachdem unsere Zeitung über das Unbehagen der Konservativen mit ihrer Ortskirche berichtet hatte (Ausgabe vom 6. Februar), fühlten sich liberale Luzerner Kirchenvertreter und die Kirchenleitung brüskiert.

Grund genug für ein paar Nachfragen: Wie pariert die Kirchenleitung die Vorwürfe konservativer Kreise, Kulturangebote und soziales Engagement würden in Luzern mehr gepflegt als Glaube und Gebet? Ist die Kirche vielleicht doch versucht, ihr pointiert christliches Profil populären Bedürfnissen zu opfern, um für kirchenferne Steuerzahler attraktiv zu bleiben? Wie steht sie zu Ideen, aktiv auf ihre konservative Minderheit zuzugehen? «Die Vorwürfe, die an uns gerichtet wurden, können wir so nicht stehen lassen», erklärt Jesuitenpater Hansruedi Kleiber, Leiter des Stadtluzerner Pastoralraums. Das spirituelle Angebot in Luzern sei gross, wöchentlich fänden über 35 Gottesdienste statt.

Konservative sind eine lautstarke Minderheit

Kirchenratspräsidentin Susanna Bertschmann ist die «Geringschätzung der Arbeit der staatskirchenrechtlichen Seite» besonders sauer aufgestossen. Es sei «inakzeptabel», über finanzielle Unregelmässigkeiten bei der Kirchgemeinde zu spekulieren, wie dies Philipp Wilhelm getan hatte. Für Bertschmann sind die Konservativen eine lautstarke Minderheit. Wilhelm im Speziellen sei ein schlechter Verlierer, der das klare Wahlergebnis vom Dezember nicht verdaut habe. Die Kräfteverhältnisse unter den 33000 Luzerner Katholiken seien eindeutig und müssten respektiert werden. Tatsächlich erhielt Philipp Wilhelm nur rund 21Prozent aller Stimmen.

Hansruedi Kleiber will nichts von einer verstärkten Polarisierung zwischen liberaler Mehr- und konservativer Minderheit wissen, erst recht nicht von Grabenkämpfen. «Es gibt und gab immer Menschen, die genau wissen, wie die Kirche aussehen muss, und mit dem Finger auf andere zeigen.» Ohne Offenheit für Andersgläubige sei kirchliche Einheit aber nicht zu haben.

Zumindest räumlich und finanziell ist die katholische Kirche Luzern um Offenheit bemüht. Fromme Gruppierungen treffen sich in mehreren Kirchen und Kapellen der Stadt. Die Sentikirche an der Baselstrasse, der früheren Kapelle des Aussätzigenspitals, beherbergt zum Beispiel die Stiftung Rosa Mystica, die Gottesdienste nach dem alten lateinischen Ritus feiert. Die Kirchgemeinde hat die Sentikirche kürzlich für 600000 Franken renoviert, obwohl sie diese selber nicht direkt nutzt. Die Kirchgemeinde kommt auch für gestiegene Heizkosten in der Leonhardskapelle bei der Hofkirche auf, wo Freiwillige Tag und Nacht das heilige Brot verehren («ewige Anbetung»). Beides entspricht dem Leitsatz der Kirchenratspräsidentin: «Die Konservativen sollen Platz haben – aber kein allzu grosses Gewicht.» Letzteres könnten sie missbrauchen, um andere auszugrenzen, befürchtet Bertsch­mann. Und das widerspräche der programmatischen Offenheit der Kirche Luzern fundamental.

«Für mich ist das eine Fehlüberlegung. Aus Sorge, Konservative würden andere ausschliessen, schliesst man sie selber aus», kritisiert Martin Popp. Der 40-jährige Primarlehrer engagiert sich freiwillig in der Kirche als Lektor und bei der Organisation von Gottesdiensten in der ökumenischen Taizé-Tradition. Popp ist fromm – jeden Tag beginnt er in Stille und Gebet – und liberal zugleich. Eine begeisterte Buddhistin beeindruckt ihn mehr als ein bornierter Christ. Über konservative Gläubige sagt er: «Viele haben aus meiner Sicht den Schritt zu einem erwachsenen Glaubensleben nicht gemacht.» Er höre viel, was «man» alles nicht dürfe, aber wenig, was ein Individuum in aller Freiheit wolle. Zugleich sagt Popp: «Mir liegt viel an diesen 21 Prozent, die Philipp Wilhelm wählten.» Popp wünscht, dass sich die Kirchenleitung aktiver um ihre Minderheit kümmert. Einen fixen konservativen Sitz im fünfköpfigen Kirchenrat fände er sinnvoll. Susanna Bertschmann ist da skeptisch. Es sei nicht sinnvoll, wenn Leute, die gegen die demokratischen Kirchenstrukturen wettern, in die Leitungsgremien ebendieser Strukturen einziehen. Martin Popp hat derweil noch weitere Ideen, um die Konservativen besser einzubinden. Fromme Meinungsbeiträge im Pfarreiblatt haben für ihn durchaus Platz. Für Pfarreiblatt-Redaktor Urban Schwegler ist dies ausserhalb der Leserbriefspalten aber kein Thema. Susanna Bertschmann sieht zudem die Gefahr, dass liberal denkende Menschen vermehrt die Kirche verlassen könnten, wenn doktrinäre Meinungen grössere Plattformen erhielten. Popp zuckt mit den Schultern. Dieses Risiko müsse eine offene Kirche aushalten: «Es wäre der Preis für gelebte Gemeinschaft.»

Wo sind die Grenzen der Toleranz?

Auch Hansruedi Kleiber möchte allen seinen Schäfchen gegenüber offen sein. Manchmal aber stösst er an seine Grenzen. Kürzlich kritisierte ihn ein älterer Herr nach der Messe in der Jesuitenkirche, dass er ein Credo-Lied habe singen lassen, statt das klassische Glaubensbekenntnis zu sprechen. «Diese Lieder sind von der Bischofs­konferenz autorisiert», erklärte Kleiber dem Mann. Dessen Unverständnis sei aber nicht gewichen, schüttelt der Pater den Kopf, Alternativen zum klassischen Glaubensbekenntnis habe er kategorisch abgelehnt.

Kann es Toleranz im Angesicht von Intoleranz geben? «Ich mache die Erfahrung, dass sich etwas wandelt, wenn ich solchen Menschen liebevoll zugewandt bleibe», sagt Martin Popp. Intoleranz fördere Intoleranz, Offenheit erwirke Offenheit.

«Aus Sorge, Konservative würden andere ausschliessen, schliesst man sie selber aus.»

Martin Popp

Kirchenmitglied

«Die Konservativen sollen Platz haben – aber kein allzu grosses Gewicht.»

Susanna Bertschmann

Präsidentin Kirchenrat Luzern


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