Analyse

Dem geschenkten Gaul ins Maul schauen

Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region, über den aktuellen Stand der Planungen zur Salle Modulable

23. Februar 2016, 00:00

Es war ein historischer Tag für Luzern: Am 4. Dezember 2014 verkündeten Stadt, Kanton und Stiftung Salle Modulable, dass man sich mit den Geldgebern für das neue Musiktheater geeinigt habe.

Seither herrscht Funkstille. Zwar wurde die Standortdebatte immer wieder mit neuen Ideen von Privaten belebt. Doch von offizieller Seite gab es seit Ende 2014 keinerlei Informationen mehr. Weder der kantonale Kulturdirektor Reto Wyss noch seine städtische Amtskollegin Ursula Stämmer lassen sich Neuigkeiten zur Salle Modulable entlocken. Unsere Zeitung hat immerhin herausgefunden, dass die Studien zum Standort und zur Machbarkeit seit Ende 2015 vorliegen. Und dass man bei der Planung ein halbes Jahr im Rückstand ist: Sollte der Standortentscheid ursprünglich Ende 2015 fallen, wird es nun frühestens Sommer 2016. Einfach wird dieser Entscheid nicht. Seit neustem wird er noch zusätzlich erschwert: Zwei Volksinitiativen zielen darauf, die Standorte Inseli und Theaterplatz zu verhindern. Unumstritten ist einzig der Alpenquai. Doch die ungenügende Erschliessung für Fussgänger, Autofahrer und ÖV-Benützer sorgt dort für grosse Fragezeichen.

Weitere Fragezeichen gibt es bei der Finanzierung. Nach Abzug der Gerichtskosten bleiben für den Bau der Salle Modulable noch rund 80 Millionen Franken übrig. Diese werden kaum reichen. Woher das restliche Geld kommen soll, darüber schweigt sich die Politik bisher aus. Ohne weitere private Sponsoren wird es wohl nicht gehen. Doch bisher zeigen sich auch traditionelle Kulturmäzene noch nicht bereit, Geld für das neue Musiktheater aufzuwerfen, solange nicht ein konkretes, überzeugendes Projekt vorliegt. Neben dem Standort ist nämlich auch die Frage, was in dem neuen Gebäude genau stattfinden soll, ungeklärt. Fest steht einzig, dass Stadt und Kanton das heutige Luzerner Theater in die Salle Modulable integrieren wollen. Da das 177-jährige Theatergebäude an der Reuss ohnehin veraltet ist und nicht mehr den Bedürfnissen entspricht, hat man das unerwartete Millionengeschenk beim Schopf gepackt.

Damit pokern Stadt und Kanton hoch. Geht die Strategie auf, wird Luzern günstig ein neues, topmodernes Stadttheater erhalten, das dank seiner modulablen Bühnenstruktur auch international ausstrahlt. Die Politiker Wyss und Stämmer werden dann als gewiefte Macher in die Geschichte eingehen, die sich ein neues Theater durch einen Mäzen finanzieren liessen. Doch genau dies ist der wunde Punkt. Der 2010 verstorbene Mäzen Christof Engelhorn sprach nie davon, Luzern ein neues Stadttheater zu schenken. Vielmehr schwebte ihm ein völlig neuartiges Opernhaus vor, dessen flexible Bühne innovative Produktionsformen zulässt. Es sollte dafür sorgen, dass Luzerns Ruf als Musikstadt noch heller strahlt und das Lucerne Festival noch mehr an Renommee gewinnt. Auch potenzielle Sponsoren bekennen freimütig, dass sie nur dann spenden würden, wenn die Salle Modulable ihrem Anspruch als exquisitem Operntempel auch gerecht wird. Inwieweit da lokale Schauspiel-, Tanz- und Opernproduktionen noch Platz haben, ist fraglich.

Die Zukunft des Luzerner Theaters als Institution ist deshalb ungewiss. Abonnenten und regelmässige Theaterbesucher werden sich zu Recht dafür wehren, dass man in Luzern auch künftig Operetten, Theaterstücke oder Kinderaufführungen geniessen kann. Das gehört zur regionalen Grundversorgung. Diese wollen Stadt und Kanton im Prinzip auch weiterhin sicherstellen. In welcher Form, ist allerdings unklar. Werden die traditionellen drei Sparten (Theater, Musik und Tanz) weiterhin angeboten? Wird es noch feste Ensembles geben? Welche Rolle wird das Luzerner Sinfonieorchester spielen, das heute als «Hausorchester» des Theaters fungiert? Diese Fragen sollen mit dem Projekt Neue Theater-Infrastruktur (NTI) geklärt werden. NTI sieht unter anderem vor, die freie Theaterszene zu stärken. Das würde ohne Zweifel für zusätzlichen Schub sorgen – für die Theaterschaffenden, aber auch für das Luzerner Kulturangebot. Es ist richtig, das Modell «Stadttheater», das aus dem 19. Jahrhundert stammt, zu hinterfragen. Mehr Flexibilität statt starre Strukturen – ganz im Sinne der Salle Modulable. Allerdings gibt es Befürchtungen, dass das Luzerner Theater an künstlerischem Eigenprofil verliert, wenn es nur noch als Plattform für externe Produktionen dient. Den positiven Gegenbeweis liefert allerdings das KKL. Dieses hatte von Anfang an die Funktion einer Plattform für Veranstalter unterschiedlichster Herkunft. Dennoch konnte sich das KKL als starke Marke mit internationalem Profil etablieren. Doch letztlich ist die Frage, wie es mit dem Luzerner Theater weitergeht, ein Stochern im Nebel. Denn auch hier herrscht behördlich verordnete Funkstille.

Man muss feststellen, dass sich Stadt und Kanton mit der Verknüpfung von Luzerner Theater und Salle Modulable sehr viele Zwänge auferlegt haben und sehr viele unterschiedliche Interessen unter einen Hut bringen müssen. Und dies bei einem extrem spitzen Zeitplan. Ende 2018 muss ein baureifes Projekt für ein neues Theatergebäude vorliegen. So ist es mit den Geldgebern vereinbart. Was passiert, wenn diese Deadline nicht eingehalten wird, ist völlig unabsehbar. Es könnte dann sein, dass der Trust die 80 Millionen wieder zurückzieht – zum zweiten Mal in der bewegten Salle-Modulable-Geschichte.

Damit die Geschichte ein Happy End nimmt, braucht es jetzt ein zielgerichtetes und fokussiertes Vorgehen. Es bräuchte auch ein persönliches Aushängeschild – eine Art «Salle-Modulable-Held», in Anspielung auf Thomas Held, der damals das KKL auf Kurs brachte. Doch es ist bezeichnend, dass bisher keine klare Führung festzustellen war. Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable, zieht die wichtigen Fäden lieber im Hintergrund. Von politischer Seite her stehen dem Projekt Reto Wyss und Ursula Stämmer Pate. Doch Regierungsmitglieder haben naturgemäss noch anderes zu erledigen. Die Gesamtprojektleitung für NTI wurde deshalb an die städtische Kultur- und Sportchefin Rosie Bitterli delegiert. Doch auch sie machte diese Aufgabe nebenbei zu ihrer Tätigkeit als Abteilungsleiterin in der Stadtverwaltung. Am 1. März soll sie durch Mathis Meyer abgelöst werden.

Auf ihm lasten nun riesige Hoffnungen, in weniger als drei Jahren ein baureifes Projekt zu präsentieren. Matchentscheidend wird sein, ob Mathis und seine politischen Chefs gewillt sind, gegenüber der Bevölkerung mit offenen Karten zu spielen. Es muss endlich eine öffentliche Debatte über Standorte und Inhalte stattfinden. Denn am Volk vorbei lässt sich das Kulturhaus nicht realisieren. Die Luzerner wollen dem geschenkten Gaul ins Maul schauen. Sie wollen die Salle Modulable, und sie wollen sich mit ihr identifizieren können. Andernfalls lassen sie es lieber ganz bleiben. Damit sich jeder ein fundiertes Urteil bilden kann, müssen aber rasch Fakten auf den Tisch. Zwar gehört das Prinzip Schweigen leider immer noch zum politischen Grundvokabular in Luzern. Doch wenn den Verantwortlichen die Salle Modulable wirklich am Herzen liegt, müssen sie jetzt mit transparenter Informationspolitik die öffentliche Debatte lan­cieren.

robert.knobel@luzernerzeitung.ch


Login


 

1 Leserkommentar

Anzeige: