Die Casa d’Italia muss schliessen

KÜNDIGUNG ⋅ Der italienische Staat will alle seine Liegenschaften im Ausland verkaufen. Auch in Luzern hat dies Folgen – die Betroffenen reagieren bestürzt und fassungslos.

19. Oktober 2016, 00:00

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

«Der italienische Staat macht hier einen Riesenfehler», sagt Galdino Molinari, Vertreter der italienischen Gemeinde in Luzern. Er meint damit die Schliessung der Casa d’Italia an der Obergrundstrasse 92. Dort ist unter anderem das Asilo Italiano einquartiert, ein Kindergarten und eine Kindertagesstätte (Kita) für italienische, aber auch andere Kinder aus weniger begüterten Familien. Ende Jahr muss das «Asilo» schliessen, da der Staat Italien, dem die Liegenschaft gehört, diese verkaufen will.

«Die italienische Botschaft hat uns im Juli per eingeschriebenem Brief gekündigt», bestätigt Anton F. Steffen. Der frühere bekannte Luzerner CVP-Politiker ist Präsident der Stiftung Asilo Italiano. Auch er bedauert die Schliessung ausserordentlich. «Wir haben alles getan, damit Italien den Entscheid rückgängig macht», sagt er. «Vergeblich.»

Allen Betreuungspersonen wurde gekündigt

«Ende Januar 2017 müssen wir alle Schlüssel abgeben», erklärt Steffen. Das habe man schweren Herzens auch allen Eltern der zurzeit etwa 40 im «Asilo» betreuten Kinder mitgeteilt. Sie müssen nun in anderen Kindergärten und Kitas untergebracht werden. Auch den Betreuungspersonen wurde gekündigt.

Betroffen von der Schliessung sind auch andere Institutionen im Gebäude, etwa die Bibliotheca Dante Alighieri oder die Colonia Italiana, ein Versammlungsort für Italiener der ersten und zweiten Generation in Luzern. «Einen neuen Versammlungsort können wir kaum eröffnen», sagt Galdino Molinari. «Damit geht eine viele Jahrzehnte dauernde Geschichte leider zu Ende. Das ist sehr schade.»

Die Casa d’Italia ist etwas in die Jahre gekommen. Die einst weissen Aussenwände sind verwittert und wirken heute lavendelfarben. Vor der Fassade Obergrundstrasse hängen, von Bäumen verdeckt, eine italienische und eine EU-Flagge. Im Garten entlang der Taubenhausstrasse ist ein Kinderspielplatz. Die dort ordentlich aufgereihten Kinder-Plastikspielzeug-Autos standen bei unserem Besuch gestern im Regen. Ein trauriges Zeichen für die im Stich gelassenen Kinder? Diese waren noch beim Mittagsschlaf, der in der Casa d’Italia bis 15 Uhr dauert – ein Stück Italianita, das nun zu Ende geht.

Weshalb will Italien die Liegenschaft verkaufen? Er habe vom italienischen Botschafter in der Schweiz erfahren, dass die italienische Regierung allen Botschaften den Befehl erteilt habe, sämtliche Liegenschaften Italiens im Ausland zu verkaufen, erzählt Anton F. Steffen. «Italien ist mit über 2000 Milliarden Euro verschuldet», habe das italienische Finanzministerium dem Botschafter klipp und klar zu verstehen gegeben.

2 Millionen Franken Sanierungsbedarf

Gemäss Steffen soll die Casa d’Italia an der Obergrundstrasse 92 demnächst öffentlich zum Verkauf ausgeschrieben werden. Einen konkreten Interessenten gebe es noch nicht. Auch der Kaufpreis für das rund 1500 Quadratmeter grosse Grundstück ist noch nicht bekannt. «Der italienische Staat rechnet mit mehreren tausend Franken pro Quadratmeter, was völlig unrealistisch ist», sagt Steffen. Die Stiftung selber beziffert den Wert der Liegenschaft auf 1 bis 1,5 Millionen Franken. «Der Sanierungsbedarf beträgt bis zu 2 Millionen Franken» , sagt Steffen. Die nötigsten Instandsetzungsarbeiten habe man bereits getätigt: «Wir investierten rund 200 000 Franken und haben jetzt unter anderem eine nigelnagelneue Küche.»

Das Gebäude steht laut Steffen in einem Inventar erhaltenswerter Bauten. Ob es dereinst einem Neubau weichen könnte, ist also ebenfalls höchst ungewiss. Auch was dort entstehen könnte, ist laut Steffen unklar: «Für Wohnungen steht das Haus viel zu nah an der viel befahrenen Obergrundstrasse; für Geschäfte ist es zu weit weg vom Zentrum.»

Gibt es doch ein Happy End für die in der Casa d’Italia einquartierten Institutionen? «Ich befürchte nein», sagt Steffen.


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