Erster und letzter Blick auf alte Kirche

FRANZISKANERPLATZ ⋅ Im Rahmen der Kleinstadt-Sanierung haben Archäologen Reste der mittelalterlichen Spitalkirche ausgegraben. Doch die historischen Mauern müssen bald modernen Bedürfnissen weichen.

17. März 2017, 00:00

Beatrice Vogel

beatrice.vogel@luzernerzeitung.ch

Wer derzeit durch die Luzerner Kleinstadt schlendert, trifft immer wieder auf Baustellen: Absperrungen, aufgerissene Strassen, offenliegende Leitungen. Seit Oktober 2016 sind hier Real, EWL und die Stadt Luzern an der Arbeit. Neben der Sanierung des Krienbachkanals, der Erneuerung der Wasser-, Gas- und Elektroleitungen wird bis Mitte 2018 die Oberfläche der Strassen und Plätze neu gestaltet.

Das klingt nach alltäglichen Bauarbeiten. Doch wer einen Blick in den offenen Untergrund wagt, sieht die Vergangenheit der Stadt. So auch am Franziskanerplatz, wo in den letzten Tagen Archäologen einen Teil der Fundamente einer alten Kirche freigelegt und dokumentiert haben.

Kirche gehörte zum Heiliggeistspital

Es war bekannt, dass die Fundamente dort schlummern müssen, weshalb die Kantonsarchäologie das Bauprojekt begleitet hat. Und tatsächlich: Neben der Kanalisationsleitung sind in einer Tiefe von knapp einem halben Meter Mauerteile aus dem 13. und 14.Jahrhundert zu Tage getreten. «Das gehört zum Fundament der Spitalkirche, die im Mittelalter an das Heiliggeistspital angebaut war», sagt Grabungstechniker Luca Winiger und zeigt auf die höher gelegenen Mauerreste. Noch etwa einen halben Meter tiefer befindet sich ein Mörtelboden. «Dieser gehörte zu einem Vorgängerbau», so Winiger. Interessant daran sei der Höhenunterschied zwischen den Bauten: «Im Mittelalter stieg der Grundwasserspiegel stetig an. Um dem entgegenzuwirken, wurde der Untergrund aufgeschüttet.» Deshalb sei das heutige Strassenniveau so viel höher.

Um herauszufinden, wie sich die Siedlung hier in der Frühzeit der Stadt präsentiert hat, müsste allerdings noch tiefer gegraben werden. Doch das liegt nicht drin. «Wir graben nur so viel aus wie nötig, also jene historischen Überreste, die durch die Bauarbeiten tatsächlich tangiert werden. Der Rest soll im Boden erhalten bleiben», sagt Archäologe Fabian Küng. Denn was ausgegraben wird, verschwindet: Für die neuen Leitungen müssen die alten Mauerreste zerstört werden. Daher wird von den Archäologen alles detailgetreu dokumentiert, um es für die Nachwelt zu sichern.

Zurück zur Spitalkirche: «Man weiss bis heute sehr wenig über das Gebäude und seine Ausmasse. Die Ausgrabung ermöglicht uns den ersten Blick auf diesen Bau, seit er 1788 abgerissen wurde», so Küng. Bekannt ist die Spitalkirche von wenigen historischen Abbildungen und aus schriftlichen Quellen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1345. Sie gehörte zum Heiliggeistspital – ein Gebäudekomplex, der neben dem Ritterschen Palast stand, dem heutigen kantonalen Regierungsgebäude. Im Spital wurden bedürftige Kranke versorgt, es diente aber auch als Herberge für Durchreisende. «Da es im mittelalterlichen Luzern lediglich vier Kirchen gab, spielte die Spitalkirche eine wichtige Rolle», erzählt Küng. So waren ihre Glocken die ersten am Morgen, die erklangen und den Arbeitstag einläuteten. Über ihre Ausstattung ist wenig bekannt, doch besass sie eine wundertätige Marienstatue, die von Pilgern verehrt wurde. Die Kirche bestand länger als das zugehörige Spital, das in den 1650er-Jahren an den Obergrund verlegt wurde.

Kein Budget: Archäologen müssen warten

Die archäologischen Grabungen beim Franziskanerplatz sind nun vorläufig abgeschlossen. In der näheren Umgebung sind aber noch weitere Bauarbeiten geplant, bei denen vermutlich weitere Reste der Kirche zum Vorschein kommen. Auch diese sollen von Archäologen begleitet werden. Wann genau die Archäologen beginnen können, steht aber noch nicht fest. Küng: «Wir können erst starten, wenn der Kanton über ein rechtskräftiges Budget verfügt. Dies wird frühestens Ende Mai der Fall sein.»


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