Für sie ist das Singen «innere Medizin»

RITUALCHÖRE ⋅ Anlässe wie das Singen zur Wintersonnenwende ziehen in Luzern bis zu 1000 Personen an. Ihr Ziel ist ein gemeinsames spirituelles Erlebnis. Dabei können auch mal Tränen fliessen.

22. November 2016, 00:00

Sogenannte Ritualchöre erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Jeweils bis zu 1000 Leute besuchten in den letzten Jahren das Singen zur Wintersonnenwende in der Luzerner St.-Karli-Kirche. «Die meisten davon singen aktiv mit», sagt Susanna Maeder. Sie wird einen neuen Ritualchor leiten, der im Januar gegründet und im Raum Luzern seine Treffen abhalten wird. «Bis jetzt gab es vier kleinere Chöre, die legen wir jetzt zusammen.» Der neue Stammchor mit rund 60 Mitgliedern soll dann «mehr Kraft generieren können», erklärt Maeder. Die Chorleiterin arbeitet schon seit 25 Jahren mit Ritualchören, seit 23 Jahren in Luzern.

Doch was ist eigentlich ein Ritualchor? «Wir singen Lieder, also rituelle Gesänge aus verschiedenen Kulturen. Die Stücke haben meist eine einfache Melodie und einen einfachen Text und sie werden wiederholend gesungen. Dabei hat jedes Lied eine Art innere Medizin», erläutert Susanna Maeder.

Ziel: Verbindung mit dem «Göttlichen»

Das Schöne sei, dass es dabei keinen Leistungsdruck gebe. Im Chor werde nicht nach Noten gesungen: «Wir stehen oder sitzen im Kreis, so entsteht schon eine andere Struktur», betont die Chorleiterin. Denn das Ziel der rituellen Gesänge sei die Verbindung mit der Essenz, mit dem «Göttlichen». «Beim Singen wird der Verstand leerer, ruhiger, und die Medizin der Lieder wird spürbar», beschreibt Maeder.

Es entstünden zudem weitere Verbindungen beim Singen: «Zwischen Kulturen, untereinander im Chor, aber auch mit den sakralen Räumen, etwa den Kirchen», erklärt sie. Gerade die Kirchen öffneten sich immer mehr einer breiter gefassten Spiritualität, die über das reine Christentum hinausgehe.

Die Auswahl der Lieder sei unterschiedlich. «Manchmal mische ich kunterbunt die Themen und Kulturen, aber achte auf einen energetischen Bogen. Oft orientiere ich mich auch an den Themen der Jahreszeiten, die für uns grad anstehen, wie zum Beispiel das Thema Abschied und Loslassen im Herbst oder der Jahresanfang.»

Frauen sind in der Mehrzahl

Der Ritualchor wird sich einmal im Monat zum gemeinsamen Singen treffen. Ebenfalls einmal monatlich findet das offene Singen in der Maihofkirche statt. Doch wer als Zuhörer im Publikum sitzen will, ist hier falsch. «Am offenen Singen sollen möglichst viele mitsingen», sagt Maeder. Ritualchöre sind bei Frauen beliebter als bei Männern, die Altersspanne geht von 25 bis 70 Jahren. «Es sind Menschen, die gerne einfache Lieder singen und ihre Verbindung zu einer Art offenen Spiritualität leben», beschreibt Maeder. Die Gesänge lösen Gefühle aus, manchmal sogar Tränen. «Das Schöne ist, dass man hier von der Gruppe und der Musik getragen wird. Man kann sich auch auf die Matte in der Mitte legen und in einem Lied baden.» Rituale markieren eine Übergangssituation. Unbewusste Prozesse sollen sichtbar gemacht werden. «Obwohl die verschiedenen Kulturen unterschiedliche Rituale und Gesänge pflegen, sind sie immer nur eine andere Ausdrucksform für die Verbindung zum Göttlichen», so Susanna Maeder. «Wer sich mit Ritualen auseinandersetzt, beschäftigt sich mit seinem eigenen Kern, und das Bewusstsein für diese Übergänge wird geschärft.»

Taufe, Heirat, Abdankung: Das sind immer noch die grossen Rituale in unserer Kultur, die eine wichtige Rolle spielen. «Hier in der Zentralschweiz gibt es ausserdem eine Menge Brauchtum mit Ritualen», betont Susanna Maeder. Ihr persönliches Lieblings­ritual ist allerdings ihr persönliches Morgenritual: «Nach dem Aufstehen gebe ich mir eine Stunde der Stille, das finde ich besonders schön», meint sie lächelnd.

Natalie Ehrenzweig

stadt@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Das offene Singen zur Wintersonnenwende findet am Mittwoch, 21. Dezember, um 20 Uhr in der Kirche St. Karli statt. Weitere Infos: www.musik-rituale.ch


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