Wenn Linien eine Geschichte erzählen

ADLIGENSWIL ⋅ Angela Burkhardt (63) beherrscht als eine von wenigen Europäerinnen eine alte Keramik-Technik aus Japan. Dafür darf sie ihre Werke immer wieder in Asien ausstellen.

10. Oktober 2016, 00:00

Filigrane Linien durchziehen die leicht durchsichtige Porzellanschale, gebrochen, manchmal nur schwarz, manchmal in intensivem Rot oder leuchtendem Grün. Angela Burkhardt-Guallini ist eine der wenigen ausserhalb Japans, die die alte Technik Neriage beherrschen. «Bei der Neriage-Technik werden gefärbte Porzellanmassen zusammengefügt. Ich schneide, verbinde die Schichten mit Schlicker. Manchmal schneide ich das Porzellan mehrmals, setze es wieder zusammen», erklärt die 63-jährige Adligenswilerin.

Bevor die Schalen in den Ofen kommen – sie werden dreimal bei 800 bis 1250 Grad gebrannt –, sind sie sehr zerbrechlich. «Wenn ich die trockenen Schalen vor dem Brennen abschleife, muss ich sehr vorsichtig sein, wie mit rohen Eiern», betont Angela Burkhardt-Guallini. Ausserdem ist das Wetter immer ein Thema für die Künstlerin, denn je nach Luftfeuchtigkeit dauert der Trocknungsprozess ganz unterschiedlich lange. Seit dreissig Jahren ist sie Feuer und Flamme für Neriage. Damals schuf sie vor allem Grossgefässe. «Dann lernte ich den damals 80-jährigen Japaner Mitsuya Nijama kennen, der mir ein kleines Porzellanmuster schenkte. Als ich diese durchgehenden Linien sah – auf der Innen- und Aussenseite – , war ich wie elektrisiert», erzählt die Autodidaktin begeistert. Das Stück besitzt sie heute noch: «Es ist mein Talisman.»

Sie reist viel in der Welt herum

Für die zwei bis drei Ausstellungen, an denen sie pro Jahr mitmacht, reist sie viel in der Welt herum, in den letzten Jahren viel in Asien. «Das sind Ausstellungen, für die es Ausschreibungen gibt. Wenn ich mich bewerbe, durchlaufe ich meist ein dreistufiges Auswahlverfahren. Das ist zwar aufwendig, aber bis jetzt wurde ich zu jeder Ausstellung, zu der ich mich beworben habe, auch eingeladen», freut sie sich. An diesen Biennalen trifft sie Keramiker aus der ganzen Welt. «Mit der Zeit kennt man sich. Wir sind wie eine Familie, tauschen uns über Techniken aus. Ich profitiere viel davon», betont die Künstlerin.

Doch auch Ausstellungen fürs Publikum, wie die aktuelle in der Galerie Grunder Perren in Adligenswil, machen ihr Spass. Obwohl das Interview ausserhalb der Öffnungszeiten der Galerie stattfindet, kommt eine Frau herein und kauft sich, nach kurzem Umschauen, eine der grossen Schalen von Angela Burkhardt. «Für so eine Schale brauche ich 50 bis 100 Arbeitsstunden, verteilt auf bis zu sieben Wochen», erklärt sie.

Früher hat Angela Burkhardt konkreter gearbeitet. «Die Striche mussten sehr exakt zusammengefügt werden», sagt sie. Als sie 2005 in Japan war, lernte sie einen kleinen Familienbetrieb kennen, der besonders schönes, fast leuchtendes Porzellan herstellt. «Sie konnten nicht Englisch, ich nicht Japanisch. Sie holten dann eine Frau, die übersetzen konnte. Ich ging dann ins Hotel und holte das Geld für 1000 Kilo Material, ohne zu wissen, ob das je bei mir ankommen würde. Doch zwei, drei Monate später wurde das Palett bei mir in Adligenswil abgeladen», ­erzählt sie. Mit dem neuen Rohmaterial wurden ihre Werke leichter, freier. «Ich möchte möglichst einfach arbeiten, möglichst viel weglassen. Seither arbeite ich nur noch mit diesem Porzellan aus Seto.»

Im Ofen schrumpft das Porzellan

Die Linien auf den Gefässen von Angela Burkhardt-Guallini erinnern an Intarsienarbeiten eines Schreiners. «In meiner Freizeit bin ich in der Natur, schwimme, wandere, laufe. Mich inspiriert die Natur. Linien, Schatten und Licht. Schicht um Schicht», sagt die Künstlerin, und die Begeisterung ist ihr anzusehen. Da Porzellan, eine oft geheime Mischung aus Kaolin, Feldspat und Quarz, beim Brennen schrumpft, weiss die Künstlerin nie, wie ihre Werke im Detail aussehen werden, wenn sie aus dem Ofen kommen. «Das ist immer eine Überraschung, ob positiv oder negativ», meint sie lachend. Darum werde ihr auch nicht langweilig mit ihren Linien.

Angela Burkhardt-Guallini ist gerade von der Ceramics Biennale in Taiwan zurückgekommen, hat im April schon in Korea ausgestellt, bereitet sich bereits auf eine Ausstellung in Zürich vor und hat die erste Auswahlhürde für eine Ausstellung in Paris im nächsten Jahr geschafft. Doch erst ist sie noch daheim in Adligenswil zu sehen.

Natalie Ehrenzweig

natalie.ehrenzweig@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Die Werke von Angela Burkhardt sind bis am 22. Oktober in der Galerie Grunder Perren in Adligenswil zu sehen.

www.burkhardt-guallini.ch


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