Auf 104 Zeilen

Der Anhänger und ich – (k)eine Liebesgeschichte

09. September 2017, 00:00

Ein bisschen aufgeregt war ich schon, als ich erstmals darin fahren durfte: Ab 1998 wurden die VBL-Busse des Typs NAW für die Linie 1 mit Anhängern aufgerüstet. Es waren unförmige Ungetüme mit einer Kapazität von rund 180 Personen, mit der man die Anschaffung grösserer und teurerer Busse hinausschieben konnte. Inzwischen haben die Anhängerbusse ausgedient. In den letzten Jahren wurden sie Schritt für Schritt durch Doppelgelenktrolleys ersetzt, sodass heute zum letzten Mal ein Anhänger-Bus durch Luzern fährt. Damit endet eine kleine ÖV-Ära.

Als jugendlicher Mensch, der ich als 16-Jähriger im Jahr 1998 noch war, ist man ja Neuem generell eher zugeneigt. Und so kaperten meine Teenager-Freunde und ich damals stets die langen Bankreihen im Anhänger. Zu unserer Freude war dort auch die Fliehkraft bei Kurven gut spürbar – besonders bei der Abfahrt von der Krienser Busschleife in Richtung Stadt. Und da der Chauffeur sich weit weg im vorderen Fahrzeug befand, konnten wir auf dem Weg in den Ausgang allerhand Schabernack treiben.

Damit untergruben wir natürlich den Zweck der Neuerung. Für ältere Leute wäre es einfacher gewesen, die Niederflur-Anhänger zu betreten statt via Treppe ins vordere Abteil zu steigen. Doch nicht nur sie fühlten sich hinten offensichtlich unwohl – sei es wegen der Teenager, wegen der räumlichen Trennung zum Chauffeur oder weil das Neue ab einem gewissen Alter generell eher Skepsis hervorruft.

Nun, im Verlauf der Zeit war auch bei mir dieser Punkt erreicht. Die Fliehkraft wurde eher lästig, genau wie die fehleranfällige Haltestellenanzeige. Weil die Gänge zu eng waren, blieben die Leute im sonst schon überfüllten Bus stets im Eingangsbereich stehen, sodass die Türen teils nicht geschlossen werden konnten. Dann wandte sich der Chauffeur jeweils via Lautsprecher an die Sardinen im hinteren Bereich, was das Problem auch nicht löste.

Meine Beziehung zum Anhänger verschlechterte sich weiter, als ich eine Familie gründete und mich auch noch mit Kinderwagen in den Bus quetschen musste. Als ab 2014 die ersten Doppelgelenktrolleys eingeführt wurden, hoffte ich an der Bushaltestelle wartend jeweils inständig, es möge als Nächstes ein solcher und bloss kein Anhänger-Bus auftauchen. Schliesslich zügelte ich von Kriens ins Luzerner Schönbühl-Quartier. Und musste erfahren, dass die Anhängerbusse auf der 1er-Linie kaum mehr eingesetzt wurden – dafür aber auf der 6/8er-Linie. Da fühlte ich mich schon fast ein bisschen gestalkt.

Eines muss ich der eigenwilligen ÖV-Kreation aber lassen: Kalt gelassen hat sie mich nie. Und sie sorgte auch nach 1998 für Erheiterung – etwa, wenn ich Besuch aus anderen Städten erhielt. Da ist es irgendwie doch schön, zu wissen, dass die Fahrzeuge ein zweites Leben erhalten. Die NAW-Busse kommen in Valparaiso in Chile zum Einsatz, ein Teil der Anhänger im deutschen Siegen und in Lauterbrunnen BE. Vermissen werde ich die Dinger nicht. Aber missen will ich die Erlebnisse darin auch nicht.

Stefan Dähler

stefan.daehler@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Der letzte Anhängerbus fährt heute von 10.20 bis 11.45 Uhr zwischen Bahnhof, Maihof und Emmenbrücke – nur für geladene Gäste.

Stefan Dähler

stv. Leiter Ressort Stadt/Region

stefan.daehler@luzernerzeitung.ch


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