Stadtwärts

Genossen, so geht’s nicht!

04. Dezember 2017, 00:00

Was für ein Drama: Jetzt will mir die städtische SP das gemeinsame Mittagessen im Kreis meiner Familie vermiesen! Die Linken wollen die Mittagspausen an der Volksschule auf 45 bis 60 Minuten kürzen – oder dies zumindest prüfen lassen (Ausgabe vom 29. November). Das würde bedeuten, dass mein elfjähriger Sohn am Mittag nicht mehr nach Hause kommen könnte und in der Schule essen müsste.

Additive Tagesschule heisst das auf schön Neudeutsch. Damit könne man die «Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern», lautet die Argumentation der SP. In vielen Luzerner Familien seien Vater und Mutter heutzutage erwerbstätig und ein gemeinsames Mittagessen zu Hause so ohnehin nicht mehr möglich.

Wer will, kann die heute schon bestehenden schulischen und ausserschulischen Mittagsangebote nutzen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch deren Nutzung quasi zur Pflicht für alle Kinder zu machen – und dazu könnte der SP-Vorstoss einst führen –, dagegen würde ich mich wehren. Der Staat als Reglements-monstrum, das noch weiter in die individuelle Souveränität eingreift? Liebe Genossen, so geht’s nicht. Das kann doch nicht im Sinn des ursprünglichen freiheitsliebenden Sozialismus sein.

Damit es klar ist: Auch meine Frau und ich sind beide berufstätig und können nicht immer gleichzeitig zu Hause sein. Doch wir geben uns Mühe, dass zumindest eine beziehungsweise einer, wenn nicht beide, da sind, wenn unser Nachwuchs am Mittag nach Hause kommt – voller Vorfreude auf ein feines Essen.

Denn das gemeinsame Mittagessen zu Hause ist für uns eine der letzten verbliebenen Oasen des friedlichen familiären Zusammenseins. Auch wenn es da, um ehrlich zu sein, nicht immer friedlich zu- und hergeht und der Generation-Gap (ein anderes, vielstrapaziertes neudeutsches Wort) manchmal ganz heftig ausbricht. Aber auch das gehört halt zum familiären Ausbildungsprogramm. Mein Trost: Bis der SP-Vorschlag geprüft, mehrheitsfähig und umgesetzt wird, ist mein Sohn wohl längst IT-Spezialist, Fussballprofi – oder Koch.

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch


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