Hungrig durch den Ramadan

RELIGION ⋅ Am 25. Juni endet der Fastenmonat Ramadan. Für Muslime ändert sich bis dahin der sonst übliche Rhythmus des Lebens. So auch für die Familie Abdulle aus Littau.
10. Juni 2017, 00:00

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Auf einmal werden die Gespräche durch muslimischen Gesang unterbrochen, die aus Ali Abdulles Smartphone kommen. Er hat die App «Islamic Finder» installiert, welche ihm auf die Sekunde zeigt, wie viel Zeit bis zum Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verbleibt. Ist die Sonne verschwunden, darf das Fasten gebrochen werden. «Das sind so kluge Leute, diese Entwickler», sagt er, als er die Zeittabelle auf dem Display erklärt. «Bei schlechtem Wetter dunkelt es zum Beispiel etwas schneller ein. Dann würde man den Zeitpunkt zum Essen halt so Handgelenk mal Pi wählen», ergänzt seine erwachsene Tochter Hawa in akzentfreiem Schweizerdeutsch. Die beiden sitzen in Hawas Wohnzimmer in Littau, in dem sich an diesem Abend deren ganze Familie für das Fastenbrechen während des muslimischen Fastenmonats Ramadan versammelt hat: Familienvater Ali Mohamed Abdulle, seine Frau Amina, ihre zwei erwachsenen Kinder mit ihren Ehepartnern sowie vier Enkelkinder. Die jüngste, Safia, wird dabei noch getragen, meist in den Armen ihres Vaters Mahamad Abdifatah, Alis Schwiegersohn.

Der Alltag der Familie Abdulle, die 1994 aus Somalia flüchtete und seither in der Schweiz lebt, bekommt während des Ramadans einen ganz anderen Rhythmus, der eben auf das Fastenbrechen ausgerichtet ist. «Das Gefühl von Hunger ist in dieser Zeit wichtig. Wenn man weiss, was Hunger ist, denkt man mehr an andere und spendet», sagt Ali, der nebenberuflich als Präsident des muslimischen Vereins Nur al-Huda in Ebikon amtet und diplomierter Islamwissenschaftler ist. Es gehe darum, seine Aktivitäten einzuschränken und Gott näher zu kommen. Man betet mehr, liest den Koran und geht abends in die Moschee zum Tarawih-Gebet, dem traditionellen Gebet, welches nur im Ramadan vollzogen wird. «Wenn Ramadan ist, zieht man sich aus seinem gewohnten ‹Luxusleben› zurück», sagt Hawa und weist noch auf eine weniger bekannte Seite des spirituellen Monats hin: Neben der Pflicht zu fasten gibt es auch die Pflicht zu spenden. Jeder Muslim muss mit der Zekat-Spende 2,5 Prozent seines Vermögens abgeben und somit anderen helfen, denen es finanziell schlechter geht.

Männer helfen beim Kochen nur wenig mit

Vor dem Essen wird in der Küche noch eifrig vorbereitet, geplaudert und gelacht. Hawa und Schwiegertochter Omar Amina vollenden die letzten Gerichte, die in wenigen Minuten auf den Tisch kommen. Seit etwa vier Uhr am Nachmittag sind sie mit dem Kochen beschäftigt. Die Männer halten sich dabei klar fern. «Bei Kleinigkeiten helfen sie manchmal schon, mein Mann hat zum Beispiel den Teig der Sambosas zugeklebt», sagt Hawa. «Den Grossteil erledigen aber schon wir. Und häufig kochen wir dabei viel zu viel, ähnlich, wie wenn man mit leerem Magen einkaufen geht.» Im Sommer sei das Fasten denn auch schwerer, weil die Tage viel länger sind. Fastet man im Winter ungefähr 7 Stunden, sind es im Sommer um die 17. Wegen des islamischen Mondjahres kann der Ramadan in allen Jahreszeiten liegen. «Man verliert auch Gewicht, wenn man nur einmal am Tag isst», meldet sich Ali zu Wort und zeigt, wie locker seine Hose geworden ist.

Es ist exakt 21.19 Uhr, als die Klänge aus dem Smartphone ertönen. Statt sich auf das duftende Essen zu stürzen, redet man geduldig weiter, bis alles aufgetragen ist. Ein paar süsse Datteln werden dann doch geschmaust, der erste Schluck nach vielen Stunden getrunken. «Zuerst wird gegessen, dann gebetet, dann wieder gegessen», erklärt Ali den Ablauf. Und das Essen ist ein wahrer Festschmaus: Es gibt Pakoras (frittiertes Poulet im Kichererbsenteig), Sambosas (mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, ähnlich den indischen Samosas), Humus als Sauce (pürierte Kichererbsen), Tomatensalat, grünen Salat und noch einiges mehr. Dazu wird kühler, knallpinker Wassermelonensaft getrunken. Still muss es währenddessen eigentlich nicht sein, einige Familienmitglieder halten sich mit Worten dennoch zurück. «Sonst reden wir schon etwas mehr, aber Zeitungsleute hatten wir nun mal noch nie zu Besuch», meint Hawa lachend. Die drei kleinen Buben essen am Kindertisch, gefastet haben sie nicht. «Für Kinder ist das zu schwierig», sagt Alis Frau Amina. Viele Kinder würden es erst in ihrer Jugend versuchen. Erwachsenen hingegen falle das Fasten nur die ersten zwei Tage schwer, danach gewöhne man sich daran, findet sie.

Bevor der nächste Gang aufgetragen wird (Älplermakkaronen mit Apfelmus und als Dessert eine Art Tiramisu!), ist es Zeit fürs Gebet. Schwiegersohn Mahamad holt die Gebetsteppiche hervor, findet jedoch nur zwei. Kurzerhand wird entschieden, dass getrennt gebetet wird, zuerst die Männer, dann die Frauen. «Im Familienkreis beten wir sonst alle zusammen, nur in der Moschee beten Männer und Frauen in separaten Zimmern», erklärt Amina. Ali rollt die Teppiche derweil in Richtung Mekka aus, hinter ihn stellen sich sein Sohn und der Schwiegersohn. Ali ist es auch, der leise die arabischen Phrasen vorspricht. Aber nicht, wie er später erklärt, weil er der Älteste ist, sondern weil er den Koran am besten kennt. «Kennt ein jüngerer Muslim den Koran besser, steht er vorne. Kennen ihn aber zwei gleich gut, dann steht der ältere der beiden vorne.»

Noch einen Kaffee, und ab in die Moschee

Es ist schon fast halb elf, als Amina, Hawa und Omar Amina ihr Gebet beenden. Einige Familienmitglieder wollen noch in die Moschee nach Ebikon fahren, wo ab 23 Uhr gemeinsam gebetet wird. Die Älplermakkaronen werden deshalb zügig aufgetischt, ein Kaffee liegt sogar auch noch drin. Alle Familienmitglieder kommen schliesslich nicht mit: Das Gebet in der Moschee ist freiwillig, und viele sind müde. Und zu viel Schlaf komme man während des Ramadans nämlich nicht, ist sich die Familie Abdulle einig. Stattdessen lädt Ali die Gäste spontan dazu ein. Ohne Anmeldung? «Kein Problem, kein Problem», beteuert Ali.

In der Schachenweidstrasse in Ebikon angekommen, dringt aus dem umfunktionierten Gewerbehaus bereits muslimischer Gesang nach draussen. Die leichte Verspätung ist nicht schlimm, und Ali kündigt die Gäste in einer Gebetspause bei Elesmi Moez an, dem Moschee-Manager. «Sehr, sehr gerne, sie sind immer willkommen», sagt dieser. In der Moschee kommt der allgegenwärtige Terror zur Sprache. «Islam ist für manche mittlerweile das Gleiche wie Terror», so Azmi, der wie Ali freundlich darum bemüht ist, das friedliche und harmlose Bild des Islam zu verbreiten. Dann geht es weiter, und rund fünfzig Muslime versammeln sich wieder in Reihen auf dem weichen, dunkelroten Teppich des Gebetsraumes. Imam Mohammed singt auswendig die Verse aus dem Koran vor, gleich in der ersten Reihe hinter ihm stehen Ali und Azmi. Letzterer liest als Einziger im Koran mit, für den Fall, dass der Imam eine Zeile vergessen sollte. Spätestens bis zum 25.Juni muss der gesamte Koran durchgebetet sein. Dann nämlich endet dieses Jahr der Ramadan – wie immer mit einem grossen Fest des Fastenbrechens. Laut Ali kommen dafür über 450 Muslime aus der ganzen Zentralschweiz in die Ebikoner Moschee.

www. Mehr Bilder zum Ramadan gibt es auf: luzernerzeitung.ch/bilder

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