Junge leben in virtueller Welt und brauchen Beistand

STADT LUZERN ⋅ Die Zahl der neuen Fälle bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ist 2016 gesunken. Dafür macht der Kesb ein neuer Trend bei Jungen Sorge.
14. Juni 2017, 00:00

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) löste 2013 die Vormundschaftsbehörde ab. Seither nahmen die laufenden Massnahmen in der Stadt Luzern um 1,5 Prozent zu. Die städtische Bevölkerung wuchs im gleichen Zeitraum um 2,5 Prozent. Das sei eine positive Entwicklung, konstatierte der Luzerner Stadtrat und Sozialdirektor Martin Merki gestern vor den Medien. Auch seien mit dem Übergang der Vormundschaftsbehörde zur Kesb ausser dem Zuzug einiger Fachpersonen nur wenige personelle Wechsel nötig gewesen: «Wir haben eine stabile Situation. Die Kesb gehört zwar zur Sozialdirektion, ist aber eine unabhängige Behörde.»

Zur häufig geäusserten, teils «harschen» Kritik gegenüber der Kesb sagte Merki: «Ich habe häufig Gelegenheit, Einblicke zu erhalten und beide Seiten anzuhören.» Die einseitige Kritik relativiere sich dadurch oft.

Unverständnis über horrende Kosten

Sondersettings für Teenager zum monatlichen Preis von 85 000 Franken, wie sie unlängst in der Boulevardpresse Schlagzeilen machten, seien in Luzern kein Thema, sagte Angela Marfurt, Präsidentin Kesb Stadt Luzern. Die genannten Kosten seien «nicht nachvollziehbar». Marfurt nannte zwei konkrete Beispiele für die Stadt Luzern: Demnach betragen die Kosten für schwer verhaltensauffällige Teenager bei der Platzierung in einer geschlossenen Wohngruppe im bernischen Loryheim 780 Franken pro Tag, im Jugenddorf Knutwil in der Beobachtungsstation 627 Franken pro Tag. Die Kosten für die Platzierung trägt zum grössten Teil der Kanton. Ein kleiner Teil wird den Eltern auferlegt. Im Jahr 2016 nahm die Kesb Stadt Luzern 63 Platzierungen vor.

Die Anzahl neuer Anträge hat in der Stadt Luzern gegenüber dem Vorjahr um rund 10 Prozent zugenommen – auf 1308. Davon betreffen 613 den Kindesschutz und 590 den Erwachsenenschutz. Die restlichen 105 werden zum Beispiel gestellt, wenn es um die Zustimmung bei Rechtsgeschäften, um einen Hausverkauf oder Erbschaften geht. Nicht alle Anträge würden zu einer Massnahme führen, so Marfurt: «Letztes Jahr waren es 247 neue Massnahmen, 17,4 Prozent weniger als im Vorjahr.» Nach der Prüfung der Anträge können auch andere Mittel als eine Massnahme angeordnet werden: «Wir vermitteln auch an andere Stellen. Das kann die Väter- und Mütterberatung sein, die Jugend- und Familienberatung Contact, die Pro Senectute oder die Spitex.»

«Nacktes Kleinkind zwei Stunden an praller Sonne»

Die Kesb kommt erst dann auf den Plan, wenn eine Gefährdungsmeldung erstattet wird. Bei Kindern kommt diese meist über die Schule oder das Kinderspital, bei älteren Personen über Familienangehörige oder die Pro Senectute. «Wenn eine Nachbarin meldet, sie beobachte im Nachbargarten ein nacktes Kleinkind im Wagen, der bereits seit zwei Stunden an der prallen Sonne steht, rückt die Kesb sofort aus und klärt die Situation vor Ort», so Marfurt. «Die Abklärungen werden immer vor Ort und mit Einbezug der Familie gemacht. Zuerst wird das Gespräch gesucht. Die mildeste Massnahme ist eine Ermahnung der Eltern. Nützt das nichts, kann eine Erziehungsbeistandsschaft angeordnet werden. Nur als Ultima Ratio wird eine Fremdplatzierung verfügt.»

Einen neuen Trend stellt Marfurt bei jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren fest: «Sie wohnen meist noch zu Hause, haben keine abgeschlossene Ausbildung und leben teilweise in der virtuellen Welt.» Da hätten sie zwar weltweit Freundschaften, aber keine in der Stadt Luzern selber. Hier werde dann eine Begleitbeistandsschaft zum Zuge kommen. Diese beschränke nicht die Handlungsfähigkeit, unterstütze aber die Weiterentwicklung.

Sandra Monika Ziegler

sandra.ziegler@luzernerzeitung.ch


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