Parkhaus und Umfahrung zugleich

MUSEGG ⋅ Die Verkehrsprobleme der Luzerner Innenstadt haben sich seit 1960 nur wenig verändert. Ähnlich geblieben sind auch die Lösungsvorschläge.
05. Januar 2018, 00:00

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Luzern und der Verkehr: Es ist das Dauerthema der letzten Jahre. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber, dass bereits vor rund 60 Jahren der Verkehr in der Luzerner Innenstadt als Problem wahrgenommen wurde.

«Die topografischen Gegebenheiten und die dichte Überbauung bringen es mit sich, dass im Gebiet der Luzerner Altstadt auf dem rechten Reussufer die Parkplatznot mit der ständig wachsenden Motorisierung bedrohliche Formen annimmt.» Das tönt verdächtig aktuell. Dabei stand dieser Satz am 27. Mai 1960 in der «Neuen Zürcher Zeitung». «Dazu ist die Altstadt ­zwischen Schwanenplatz und Mühlenplatz das eigentliche Geschäftszentrum», heisst es 1960 weiter. «Und zudem befinden sich auch viele Hotels, die auf Parkplätze angewiesen sind, in diesem relativ kleinen Altstadtkern.»

Es bleibt «nur der Weg in den Berg»

Alles schon da gewesen also. Und wie sich zeigt: auch die Lösungsansätze. Im NZZ-Bericht von vor 57 Jahren steht dann: «Seit Jahren sucht man bei Behörden und privaten Stellen nach Möglichkeiten, um für diese wichtige Region in grossem Ausmass neue Parkflächen zu gewinnen. Erste Studien, die von der städtischen Baudirektion für einen Parkstollen im ­Musegghügel unternommen wurden, scheiterten vor allem, weil die nötigen Zugänge vom Falkenplatz aus – wo heute eine durch­gehende Häuserfront steht – nicht freizubekommen waren.» Ein Parkhaus Musegg war also schon damals ein Thema.

Es folgte ein weiteres, privat lanciertes Projekt: ein Parkhaus für 358 Autos unter dem Turn- und Pausenplatz des Mariahilf­schulhauses. Die Zufahrt per Auto wäre über den Grendel vom Schwanenplatz her erfolgt – via Falkenplatz rechts in die Hertensteinstrasse. Zur Erinnerung: Luzerns Altstadt war damals noch nicht autofrei. Weggefahren wären die Autos westwärts durch die Grabenstrasse und den Löwengraben. Das Projekt scheiterte am Widerstand der Polizei und der Schuldirektion. Die Verkehrspolizei befürchtete «Stauungen in der vielbenützten Zufahrt Schwanenplatz–Grendel, vor allem während der Stosszeiten, wie auch ein zu geringes Schluck­vermögen der Wegfahrt Grabenstrasse». Die Schuldirektion wollte keine Ausfahrt direkt vor dem Sekundarschulhaus Musegg.

Unterirdische Autobahn quer durch die Stadt

Im Mai 1960 gab der Quartierverein Altstadt unter seinem damaligen Präsidenten H. Albrecht seine Pläne für einen «Parkstollen unter der Musegg» bekannt. Der NZZ-Autor war wohl an der damaligen Pressekonferenz anwesend und schrieb danach den Artikel, aus dem wir hier zitieren. Unter anderem meinte er: «Die Initianten gingen von der zweifellos richtigen Überlegung aus, dass für wirklich grosszügige neue Parkmöglichkeiten in der Nähe des Sees und der Altstadt nur der Weg in den Berg, d. h. in den Musegghügel, bleibt.»

Entstehen sollte ein gigantisches Projekt, das auf einem Jahre zuvor konzipierten Entwurf des Architekten und Quartiervereinsvorstandsmitglieds A. Boyer beruhte. Vier 400 Meter lange und 22 Meter breite Parkstollen hätten 1000 Personenwagen Platz bieten sollen (von Carparkplätzen war damals noch nicht die Rede). Vom Stollen aus sollten mehrere 50 bis 150 Meter lange und 4 Meter breite Fussgängerverbindungen horizontal in die Hertensteinstrasse, den Falkenplatz, die Grabenstrasse und den Löwengraben münden. Sogar eine direkte Verbindung zum Hirschenplatz war vorgesehen (siehe Skizze oben).

Die Projektverfasser gingen noch weiter. Ebenfalls in den Berg verlegt werden sollten Umschlag- und Lagerplätze für die Grossbetriebe des Stadtzentrums, «die durch spezielle Stollen zu erreichen wären». Im Kriegsfall hätte die ganze Stollenanlage als Luftschutzraum 20000 Personen Schutz bieten sollen – inklusive Notspital. Auf mindestens 30 Millionen Franken schätzte man damals die Kosten für den Vollausbau des Projekts «Parkstollen unter der Musegg». Um gleichzeitig den regen Durchgangsverkehr durch die engen Altstadtgassen umzuleiten, war mit dem Musegg-Parkstollen ein Ost-West-Tunnel «mit Autobahnabmessungen» verbunden. Dieser sollte den gesamten Verkehr aus dem Raum Zürichstrasse/Haldenstrasse Richtung Emmenbrücke–Olten respektive Entlebuch–Bern übernehmen. Die Osteinmündung dieser Umfahrung war beim Museumsplatz gedacht, das Westportal bei der Geissmattbrücke unterhalb des Nöllitors.

Die Nordtangente Maihof/Lochhof (heute heisst sie Spange Nord) wäre «mindestens vorläufig überflüssig, und auch der in einer letzten Bauetappe vorgesehene Strassentunnel Halde–Maihof wäre in dieser Form kaum nötig», hält der NZZ-Berichterstatter 1960 fest. Ob der «Parkstollen unter der Musegg» alle Verkehrsprobleme der Stadt Luzern hätte lösen können, bezweifelt er aber.

Lob für private Initiative

«Erfreulich ist aber», so die Schlussbilanz der NZZ 1960, «dass von privater Seite initiativ und unternehmungsfreudig an die Lösung der Parkplatzfrage herangegangen wird, die noch fast dringender als die Modernisierung des Strassennetzes wird. Luzern als Fremdenzentrum ist es sich schuldig, seinen Gästen genügend Parkraum zur Verfügung zu halten. Die Altstadt als Einkaufszentrum insbesondere ist darauf angewiesen, in unmittelbarer Nähe neue Parkplätze zu erhalten. So bleibt denn zu wünschen, dass in Verbindung von privater Initiative und behördlichen Anstrengungen möglichst bald an die Realisierung eines der hier dargestellten Projekte herangegangen wird.» Auch dies kann man so oder ähnlich heute wieder lesen.

Der vollständige NZZ-Artikel von 1960 ist auf der Website des Vereins gegen das Parkhaus aufgeschaltet. Dieser ist überzeugt, dass ein Parkhaus Musegg dem heutigen, auf öffentlichen und Langsamverkehr setzenden Mobilitätsleitbild der Stadt Luzern widerspricht und zudem die Auswirkungen auf die Museggmauer, ein nationales Denkmal, «nicht wirklich abzuschätzen sind».

www.

Der NZZ-Artikel von 1960 auf: luzernerzeitung.ch/bonus

27. Mai 1960


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