«Söldnerblut» und Neuanfang

LÖWENDENKMAL ⋅ Vor 225 Jahren kam es zum Tuileriensturm und dem Massaker an Schweizergardisten in Paris. Eine inszenierte Führung wirft einen Blick auf die Hintergründe des sterbenden Löwen in Luzern.
09. August 2017, 00:00

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Mit jährlich 1,2 Millionen Besuchern ist das Löwendenkmal eine touristische Hauptattraktion in Luzern. Welche Geschichte aber steckt hinter dem in den Fels gehauenen sterbenden Löwen? Dieser Frage geht die neue Publikumsführung «Warum der Löwe? Denk mal – wir erzählen» nach. «Wir zeigen Perspektiven auf und wollen eine Diskussion auslösen», sagte der Luzerner Historiker Jürg Stadelmann gestern vor den Medien. Die Führung hat er zusammen mit einem Team aus historisch interessierten jungen Menschen erarbeitet.

Das Löwendenkmal wurde 1821 errichtet – im Gedenken an die beim Tuileriensturm 1792 in Paris ums Leben gekommenen Schweizergardisten. «Meist wird es als ein Opferort gesehen, als ein Ort, an dem mit dem Sturz des Ancien Régime etwas zu Ende ging», so Stadelmann. «Wichtig ist uns, zu zeigen, dass man es auch als einen Erinnerungsort an die Anfänge unserer heutigen modernen gesellschaftlichen und rechtsstaatlichen Werte sehen kann.»

Helden – oder Helfer eines brutalen Tyrannen?

Die rund 300 Schweizer Söldner im Dienst des französischen Königs, zu deren Ehren das Löwendenkmal in Luzern errichtet wurde, wurden am 10. August 1792 in Paris von einer wütenden revolutionären Volksmenge massakriert. Waren sie Helden? Oder waren sie auf eigenen Profit bedachte Söldner, die einen tyrannischen König verteidigten, der sein Volk brutal unterdrückte? Das ist eine der Fragen, die sich während der Führung aufdrängen. Die Tour ist eine abwechslungsreiche Zeitreise durch 225 Jahre Geschichte. Sie beginnt im Bourbaki, wo an einer Wand eine Kopie des historischen Schumacher-Plans der Stadt Luzern von 1790 hängt. Darauf markiert sind das Amrhyn-, das Pfyffer- und das Segesserhaus und das Haus zur Gilgen – die Wohnsitze einiger der damals herrschenden Patrizierfamilien, die Söldner rekrutierten und sie in fremde Dienste schickten. Während der Führung fällt das provokative Wort «Söldnerblut», von dem die Patrizier profitierten.

Die Tour führt unter anderem in den Luftschutzbunker beim Löwendenkmal. Hier werden Ereignisse aus den Revolutionsjahren 1789 bis 1792 in Paris vermittelt. Vor dem Löwendenkmal selber haben Zivilschutzmitarbeiter extra eine riesige Holzwand errichtet. Darauf zu sehen ist ein vergrösserter Ausschnitt eines 1889 entstandenen, im benachbarten Alpineum eingelagerten Diorama-Gemäldes, das den Tuileriensturm zeigt. Es selber zu restaurieren und in geeigneter Weise öffentlich zugänglich zu machen, würde gemäss Stadelmann 150 000 Franken kosten.

Die Revolution von 1792 und mit ihr der Tuileriensturm führten letztlich zur ersten französischen Republik, zur Grundlage des heutigen modernen europäischen Verfassungsstaates, in dem Menschen- und Bürgerrechte garantiert sind. Auch dieser Neuanfang wird auf der Führung vermittelt. Zeichen dafür ist die links neben dem Löwendenkmal aufgehängte grün-rot-gelbe Flagge der Helvetischen Republik, deren Hauptstadt einst Luzern war. Der von Napoleon der Schweiz aufgezwungene Einheitsstaat scheiterte zwar 1802, markiert mit seinem politischen Zweikammersystem dennoch den Weg zur heutigen Eidgenossenschaft.

Das Projekt kostet 140 000 Franken, wovon 100 000 bereits zusammen sind. Beiträge geleistet haben Stiftungen, Private, aber auch die Stadt Luzern.

Hinweis

Vom 10. August bis 1. Oktober sind rund 130 Führungen geplant. Eintritt 20 Franken, Gruppen 390 Franken. www.1792-luzern.ch

www. Mehr Bilder zur Führung gibt es auf: luzernerzeitung.ch/bilder

Leserkommentare

Anzeige: