Veganer-Initiative geht Stadtrat zu weit

ENERGIEVERBRAUCH ⋅ Die Volksinitiative «Nachhaltige und faire Ernährung» will pflanzliche Ernährung fördern. Der Stadtrat lehnt diese ab, das Anliegen nimmt er aber dennoch auf.
05. Dezember 2017, 00:00

Sie ist in Luzern in einer Rekordzeit von 48 Stunden zu Stande gekommen: die Volksinitiative «Nachhaltige und faire Ernährung». Demnach soll die Stadt Luzern eine «ressourcenschonende Ernährung» fördern, indem sie die Bevölkerung über «die Auswirkungen des Tier­produktkonsums» aufklärt und in Mensen ein vegetarisches und veganes Angebot fördert. Eingereicht wurde die Initiative, die in mehreren Schweizer Städten lanciert worden war, von Personen aus dem Umfeld der Denkfabrik «Sentience Politics» in Basel.

Obwohl der Luzerner Stadtrat dem Begehren positiv gegenübersteht, spricht er sich nun gegen die Initiative aus und beantragt dem Grossen Stadtrat, sie abzulehnen. Die Exekutive bemängelt, dass der Fokus der Initiative primär auf der Förderung der pflanzlichen Ernährung liegt. Diese stelle jedoch lediglich einen Teilaspekt einer nachhaltigen und gesunden Ernährung dar. Ausser Acht gelassen würden Aspekte wie Qualität der Lebensmittel, Transport, Bodenbewirtschaftung oder Lebensmittelverschwendung (Foodwaste).

Aus gesundheitlicher Sicht entspreche eine ausgewogene Ernährung zudem der Schweizer Lebensmittelpyramide, in der alle Lebensmittel ihren Platz haben. Schliesslich argumentiert die Stadt, dass sie ihren – beschränkten – Handlungsspielraum bereits ausschöpfen würde. So bietet etwa das Personal­restaurant im Stadthaus bereits ­Vegi-Menus an.

Stadtrat will «graue Energie» reduzieren

Damit ist das Thema aber noch nicht vom Tisch. Mit den Initianten ist der Stadtrat nämlich insofern einig, als dass die durch Ernährung verursachte Umweltbelastung häufig unterschätzt wird und in der Energie- und Klimapolitik der Stadt deshalb einen grösseren Stellenwert erhalten sollte. Dem Parlament legt er daher einen Gegenvorschlag zur Initiative vor: So soll das städtische Energiereglement um einen Artikel zum Thema «graue Energie» ergänzt werden. Darunter versteht man diejenige Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produkts benötigt wird – also auch für Lebensmittel.

Mit dem zusätzlichen Artikel würde sich die Stadt somit verpflichten, einen Beitrag zur Reduktion des Energie- und Ressourcenverbrauchs zu leisten, der mit Ernährung verbunden ist – sowie mit dem Konsum von anderen Gütern und Dienstleistungen. Handlungsspielräume bestehen für die Stadt überall dort, wo sie selbst als Einkäuferin auftritt – zum Beispiel in ihrer Bautätigkeit oder im Beschaffungswesen. Zudem will die Stadt die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren, damit Konsumentscheide bewusster gefällt werden. Dies führt der Stadtrat übrigens auch in seiner Antwort zu einer Interpellation von Grossstadträtin Irina Studhalter (Junge Grüne) aus, die wissen wollte, was die Stadt gegen «Foodwaste» unternimmt. Gemäss der Antwort soll im Rahmen der Kommunikation zur 2000-Watt-Gesellschaft über «Foodwaste» und Umweltbelastung informiert werden.

Kritik am Fokus des Gegenvorschlags

Ob die Initianten trotz Gegenvorschlag an ihrer Initiative «Faire und nachhaltige Ernährung» festhalten, ist noch unklar. Laut Meret Schneider, Geschäftsführerin von Sentience Politics, müsse das weitere Vorgehen nun intern diskutiert werden. Ganz glücklich ist die Denkfabrik mit der Antwort des Stadtrates nicht: «Die pflanzliche Ernährung wird im Bericht und Antrag nicht erwähnt, stattdessen will sich die Stadt Luzern auf graue Energie fokussieren», sagt sie. «Regionalität und Saisonalität sind zwar schön und gut, die grösste Umweltbelastung stammt aber vom Tierproduktkonsum.»

Halten die Initianten an ihrer Initiative fest und folgt das Stadtparlament dem Antrag des Grossen Stadtrates, wird die Luzerner Stimmbevölkerung in einer Doppelabstimmung über die beiden Vorlagen befinden.

Wie eingangs erwähnt, wurde die Initiative auch in anderen Städten – namentlich in Basel, Bern und Zürich – lanciert. Interessant ist der Blick nach Zürich: Laut Meret Schneider hat Sentience Politics die Initiative dort zu Gunsten eines Gegenvorschlags zurückgezogen. Diesen hat die Stadtzürcher Bevölkerung im vergangenen November mit einer Mehrheit von rund 60 Prozent angenommen. «Im Gegensatz zur Stadt Luzern wurde im Gegenvorschlag der Stadt Zürich Fokus auf die pflanzliche Ernährung sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung gelegt. Denn die Unkenntnis ist das Hauptproblem», so Meret Schneider.

Gemäss Untersuchungen im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) verursacht die Ernährung rund 30 Prozent der Umweltbelastungen – und somit mehr als Bereiche wie Wohnen, Mobilität oder Energieversorgung. Dabei spielten vor allem die Emissionen in der Landwirtschaft im Zusammenhang mit der Nutztierhaltung eine grosse Rolle. Die Nutztierhaltung verursache rund 15 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen und sei damit ebenso klimaschädlich wie der Verkehr.

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Geschäftsführerin Sentience Politics


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