Vom Staatenlosen zum höchsten Luzerner

STADTPARLAMENT ⋅ Weil sein Vater aus Ungarn in die Schweiz floh, wurde András Özvegyi (GLP) als Kind das Bürgerrecht verwehrt. Nun präsidiert er den Grossen Stadtrat – und sorgt damit für eine Premiere.
14. August 2017, 00:00

Robert Knobel

robert.knobel@luzernerzeitung.ch

Dass András Özvegyi ab September als Präsident des Grossen Stadtrats für ein Jahr höchster Stadtluzerner wird, ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Der erste ist seine Partei, der zweite hat mit seinem Namen zu tun. Beginnen wir mit dem Namen, der «alles andere als schweizerisch tönt», wie Özvegyi selber sagt. Er, der als Kind neun Jahre lang staatenlos war, hätte sich kaum träumen lassen, dass er dereinst die Geschicke der Luzerner Stadtpolitik mitbestimmen würde.

Özvegyis Vater, 1956 nach dem Aufstand gegen das kommunistische Regime aus Ungarn geflüchtet, sei zwar in der Schweiz «wie ein Held von der Feldmusik empfangen worden». Auf politische Gleichberechtigung musste er dennoch jahrelang warten – genauso wie seine Kinder. Obwohl die Mutter Schweizerin war, hatte dies damals keinen Einfluss auf das Bürgerrecht der Kinder. Sie blieben wie ihr Vater staatenlos. Erst als 9-Jähriger wurde András Özvegyi zusammen mit seinem Vater eingebürgert. Hat ihn diese Vergangenheit auch politisch geprägt? Nein, sagt Özvegyi. «Ich fühle mich als Schweizer und habe zu Ungarn kaum eine Beziehung.»

«Wir waren völlig unerfahren»

Kommen wir zum zweiten Grund, der Partei: 2010 zogen die Grünliberalen erstmals ins Luzerner Stadtparlament ein – mit drei Sitzen und András Özvegyi als einzigem Mann. «Wir waren damals alle völlig unerfahren und hatten wenig Ahnung vom Parlamentsbetrieb», sagt Özvegyi. Im Unterschied zu anderen Polit-Neulingen konnten die Grünliberalen auch keine alteingesessenen Fraktionskollegen um Rat fragen. Doch das ist Schnee von gestern. Inzwischen machen sich die Grünliberalen im Rat genügend bemerkbar, haben eine eigene Stadträtin – und bei der turnusmässigen Vergabe des Parlamentspräsidiums sind sie nun erstmals an der Reihe.

Wohl noch entscheidender ist aber folgende Konstellation: Die mit vier Sitzen kleinste Fraktion im Stadtparlament ist durch die Wahlen 2016 unverhofft zu einer Hauptrolle gekommen – die der Königsmacherin. Die GLP steht im Parlament nun genau in der Mitte zwischen praktisch gleich grossen Blöcken der Linken und der Bürgerlichen. Wer die Grünliberalen auf seiner Seite hat, kann sich der Mehrheit gewiss sein. In letzter Zeit waren es meistens die Linken, die zum Handkuss kamen.

Das ist kein Zufall: Die Grünliberalen haben den Bürgerlichen nicht verziehen, dass sie GLP-Stadträtin Manuela Jost im Wahlkampf 2016 fallen liessen, um den SVP-Kandidaten Peter With zu unterstützen. Hinzu kommt eine Vereinbarung, welche die SP mit der GLP vor der Stadtratswahl abgeschlossen hat. Der von den Bürgerlichen als «Geheim­deal» kritisierte 8-Punkte-Plan wurde bis heute nicht veröffentlicht. Doch András Özvegyi wehrt sich gegen den Vorwurf, man ­lasse sich von den Linken vereinnahmen, etwa in der Verkehrspolitik. «Wir hatten immer eine ökologische Grundhaltung. Vorher sind wir bei Umweltthemen häufig knapp unterlegen. Jetzt ist es halt umgekehrt.» Bei anderen Themen, etwa der Finanzpolitik, vertrete man durchaus bürgerliche Positionen. Die GLP sei für eine Zusammenarbeit mit den Bürgerlichen immer offen.

Verhältnis zu den Bürgerlichen ist abgekühlt

Doch seit 2016 haben die Bürgerlichen ihrerseits ein abgekühltes Verhältnis zur GLP. «Die SP kommt viel eher auf uns zu als CVP oder FDP», sagt Özvegyi. Damit würden diese auch Chancen auf Mehrheiten verpassen, fügt er hinzu. Gerade mit der CVP habe man «bei Alltagsthemen viele Gemeinsamkeiten». Doch durch den «Rechtsrutsch der letzten Jahre» sei die Partei auf Distanz zur GLP gegangen.

Der rasche Aufstieg der GLP war vor zehn Jahren schweizweit spektakulär. Inzwischen ist die Euphorie verflogen, die Luzerner Grünliberalen verloren 2015 sogar ihren einzigen Nationalratssitz. Hat die Partei eine Zukunft? Özvegyi: «Der Erfolg von damals hallt noch immer nach – und ist aktueller denn je. Macron in Frankreich startete aus einer ähnlichen Position und mit ähnlichen Inhalten wie damals die GLP.»

Offiziell zum Parlamentspräsident gewählt wird András Özvegyi zwar erst im September. Doch die Wahl ist jeweils bloss Formsache. Bereits sind etliche Einladungen von Vereinen und Institutionen auf seinem Tisch gelandet, bei denen Özvegyi den Grossen Stadtrat repräsentieren soll. Darunter sind auch Organisationen, die er bisher nicht einmal kannte. «Das ist eben das Schöne an Luzern. Es ist zwar klein, aber es gibt immer wieder Neues zu entdecken.»


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