Wenn Augen schreiben können

MESSE LUZERN ⋅ Heute beginnt die Swiss Handicap auf der Luzerner Allmend. An der Messe präsentiert werden Neuerungen, die das Leben von Menschen mit Behinderung erleichtern können.
01. Dezember 2017, 00:00

Interview: Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Mobilität, Kommunikation und Prävention: Die Themen, die von den 150 Ausstellern an der Swiss-Handicap-Messe rund um das Thema Behinderung aufgegriffen werden, sind vielfältig und sollen sowohl Betroffene und Fachleute als auch Interessierte ohne Behinderung ansprechen. Auf der Luzerner Allmend, wo die Messe heute und morgen stattfindet, rechnet man mit etwa 9500 Besuchern. Unter den Ausstellern befindet sich auch die Firma Active Communication aus Steinhausen, die elektronische Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung anbietet. Der Mitgründer und heutige Leiter Dienstleistungen, Ivan Zavagni, sagt, was die technologische Entwicklung für die Betroffenen bedeutet.

Ivan Zavagni, heute halten Sie an der Messe den Vortrag «Mit den Augen ein E-Mail schreiben und mit dem Handy die Tür öffnen, geht das?». Ich nehme also an, das geht?

Das stimmt. Bei Ersterem wird am Computermonitor eine Kamera installiert, die erkennt, wohin man schaut. Auf dem Monitor wird dann eine Tastatur eingeblendet. Will man ein A schreiben, muss man folglich auf das A schauen. Beim Türöffnen wird erstens das Smartphone so angepasst, dass es vom Benutzer bedient werden kann – zum Beispiel mit Kopfbewegungen oder mit dem Joystick des Elektrorollstuhls. Zweitens werden Türen und Lichter mit Sensoren ausgerüstet, die per Smartphone ausgelöst werden können. Vor allem die Technologie der Augensteuerung ist spannend und eröffnet Menschen mit körperlicher Behinderung viele Möglichkeiten.

Und wie reagieren die Betroffenen auf diese Möglichkeiten? Sind sie erleichtert oder vielleicht auch überfordert?

Überforderung versuchen wir natürlich mit Schulung und didaktischer Begleitung zu verhindern. Die Nutzung und die Herangehensweisen zur Technologie sind ja auch unsere Kerntätigkeiten. In den meisten Fällen ist die Erleichterung aber riesig! Stellen Sie sich vor, dass Sie nicht sagen können, was Sie wollen. Das sind extreme Umstände. Wenn sich dann zum Beispiel jemand mit einer geistigen Behinderung dank simplen Symbolen auf einem Tablet plötzlich ausdrücken kann, ist das ein sehr bewegender Moment. Alltagsrituale, die sich mit Betreuern über Jahre hinweg eingespielt haben, können so auf einmal hinterfragt werden und von der Person selber gesteuert werden.

Ein Beispiel?

Einer unserer Kunden mit Autismus ist 40 Jahre alt. Mit seinen Betreuern hat er jahrein, jahraus mehrmals pro Tag Kaffee getrunken, weil sie angenommen hatten, dass er das gern hat. Als er dann erstmals ein elektronisches Hilfsmittel in die Hände bekam, stellte er als Erstes klar: «Ich mag keinen Kaffee.»

Was sind andere Trends im Bereich der elektronischen Hilfsmittel?

Wir arbeiten momentan daran, Standardanwendungen zu vereinfachen, die alle brauchen, die für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung aber zu kompliziert sind. Beispiele sind Outlook, Word oder Facebook. Diese Anwendungen werden auf das Notwendigste reduziert und mit nur wenigen Tasten versehen. Dank solcher Hilfsmittel können sich Betroffene besser vernetzen und einem regulären Job nachgehen. Das wäre vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen.

Sie sprechen den enormen technischen Fortschritt im Zeitalter der Digitalisierung an, der von vielen als Bedrohung empfunden wird. Können Betroffene überhaupt Schritt halten?

Die Entwicklung ist für Betroffene vorwiegend positiv: Laufend werden neue Hilfsmittel erfunden, Rechner werden immer schneller, mobiler und handlicher. Hinzu kommt, dass wir heute stark vom Massenmarkt profitieren. Musste ein Gerät für Behinderte früher eigens und zu hohen Kosten hergestellt werden, basieren die meisten elektronischen Hilfsmittel heute auf Tablets, die individuell angepasst werden. Dadurch können mehr Leute die Geräte benützen. Doch der Lebenszyklus der Geräte ist kurz. Dies erfordert einen unglaublichen Aufwand, immer a jour zu bleiben – auch für Behinderte, die in ihren jeweiligen Berufen ebenfalls mit den Neuerungen in Kontakt kommen. Positiv ist hingegen, dass es jetzt Geräte gibt, die nicht stigmatisieren. Heute zieht zum Beispiel ein Tablet zur Sprechhilfe für einen Autisten keine Blicke mehr auf sich.

Kann sich dies positiv auf die Bereitschaft mancher Betroffener auswirken, solche Hilfsmittel zu benützen?

Das ist so. Heute gibt es diesbezüglich praktisch keine Probleme mehr, eben auch dank des Massenmarktes. Das war allerdings nicht immer so. Vor 20 Jahren war diese Technik noch nicht vorhanden, und als die ersten Geräte auf den Markt kamen, gab es eine grundlegende Skepsis, ob sie für Menschen mit Beeinträchtigung geeignet seien. In diesem Sinn sind wir in den letzten Jahren einen grossen Schritt vorangekommen. Ob jemand mit einer Behinderung die Technik nutzen will, ist dann immer noch ihm überlassen. Wichtig ist, dass er oder sie die Möglichkeiten kennt.

Hinweis

Die Messe Swiss Handicap findet heute von 9 bis 24Uhr (inklusive Partynacht) und morgen von 9bis 17 Uhr auf der Allmend statt. Für Erwachsene kostet ein Tageseintritt 15 Franken. Mehr Informationen: www.swiss-handicap.ch.

Mitbegründer der Firma Active Communication


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