«Wir sind stolz darauf, ‹falsch› zu sein»

SEXUALITÄT ⋅ Für homo-, bi- oder transsexuelle Jugendliche war es bisher schwierig, in einem geschützten Rahmen Kontakte zu knüpfen. Ein neues Angebot im Jugendzentrum Treibhaus soll dies ändern.
16. April 2018, 00:00

Interview: Marc Benedetti

marc.benedetti@luzernerzeitung.ch

Den Treffpunkt Uferlos gibt es nicht mehr, Ende 2014 wurde auch der Verein der Homosexuellen Arbeitsgruppen Luzern (Halu) nach 35 Jahren aufgelöst. Insbesondere für nicht heterosexuelle Jugendliche fehlten Möglichkeiten, um in einem geschützten Rahmen Kontakte zu knüpfen. Diese Lücke ist jetzt gefüllt: Ende Februar hat der Verein Milchjugend, zusammen mit dem Kollektiv Kopfkino, die «Milchbar» im städtischen Jugendkulturhaus Treibhaus eröffnet. Der Treffpunkt steht alle zwei Wochen am Mittwochabend Jugendlichen bis 25 Jahren offen. Der Betrieb läuft vorerst testweise bis Juni 2018. Der 23-jährige Niels Erhardt ist im Organisationsteam der Milchbar.

Niels Erhardt, gibt es in der neuen Milchbar nur Milch zu trinken?

Nein. Der Name nimmt Bezug auf die Milchjugend. So heisst die grösste Jugendorganisation in der Schweiz für lesbische, schwule, bi-, trans- und asexuelle Jugendliche. Die Milchjugend ist aus dem Umfeld der Zeitschrift «Milchbüechli» entstanden.

Was ist das Ziel der Milchbar?

Sie soll eine Möglichkeit sein, sich real auszutauschen und zu diskutieren, statt sich hinter Bildschirmen und Handys zu verstecken. Wir wollen den Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich in ungezwungener Atmosphäre auszutauschen.

Gab es negative Reaktionen?

Nein, bisher glücklicherweise nur positive. Wir leben ja im 21. Jahrhundert, stehen selbstbewusst zu uns und fürchten uns nicht vor Diskriminierung. Pöbeleien würden wir sowieso nicht tolerieren. Die Milchbar ist ein Safe Space und soll für alle ein willkommener Raum sein.

In welcher Beziehung steht die Gruppe Milchbar zur bereits bestehenden Gruppe Kopfkino im Treibhaus?

Die Milchbar ist ein gemeinsames Projekt der Milchjugend und des Kopfkinos. Wir arbeiten seit Anfang an zusammen und unterstützen uns gegenseitig. Und es wird auch weiterhin Anlässe von der Gruppe Kopfkino geben.

Welche Ideen oder Projekte haben Sie im Köcher?

Wir wollen kleine Veranstaltungen organisieren, zum Beispiel Spielabende. Ausserdem wurden wir von der Gruppe Queer Office eingeladen, die Milchbar am Luzerner Fest 2018 zu präsentieren. Am Fest wird es zum ersten Mal einen LGBT-Stand geben. Es werden viele Jugendliche unterwegs sein, mit denen wir so in Kontakt kommen können. Für diejenigen, die sich nicht an unseren Stand trauen, werden wir ein Transparent aufhängen und auf die neue Milchbar aufmerksam machen.

In anderen Städten wurden schon vor 30 Jahren Angebote für schwule und lesbische Jugendliche ins Leben gerufen. Hätte Luzern nicht schon lange aktiv werden müssen?

Doch, unbedingt! Solche Gruppen und Aktivitäten werden aber in der Regel, auch in anderen Städten, von Jugendlichen ehrenamtlich auf die Beine gestellt. Das war auch bei der Milchbar der Fall. Ihr Betrieb ist nicht Aufgabe der Stadt. Wir würden uns aber mehr Unterstützung für LGBT-Jugendliche von der Stadt wünschen, beispielsweise finanzielle Unterstützung von Projekten oder indem man Workshops an Schulen ermöglicht.

Auf Ihrer Website nennen Sie sich «falschsexuell». Ist dies nicht zu negativ?

In den Augen der Gesellschaft sind wir «falsch». Wir wehren uns dagegen, uns ständig rechtfertigen zu müssen – wir sind stolz darauf, so zu sein. Der Begriff deckt alle sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten ab.


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