2016 – das Jahr der Bewährung

MINDESTKURS ⋅ Heute vor einem Jahr hat die Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufgehoben. Ein Entscheid, der die Schweizer Wirtschaft durchgeschüttelt und viele Stellen gekostet hat. Die Bewährungsprobe steht aber erst noch an.
15. Januar 2016, 00:00

Roman Schenkel

Als eine «Insel der Glückseligen» wurde die Schweiz 2014 immer wieder beschrieben. Verschont von den europäischen und weltwirtschaftlichen Verwerfungen schrieben die Unternehmen Rekordzahlen, stiegen die Börsenkurse in ungeahnte Höhen, sank die Arbeitslosigkeit auf Tiefststände. Der 15. Januar 2015 änderte dies schlagartig. An diesem Tag, genauer gesagt morgens um 10.30 Uhr, verkündet die Schweizerische Nationalbank (SNB) per Medienmitteilung, dass der Mindestkurs per sofort aufgehoben werde.

«Macht keinen Sinn mehr»

Später erklärt sich Nationalbankpräsident Thomas Jordan in Bern vor den Medien. «Der Mindestkurs macht keinen Sinn mehr», sagt er. Die Schweiz versteht die Welt nicht mehr. Die Fragen der Journalisten an Thomas Jordan reissen nicht ab. Und auch danach bleiben viele Fragen offen. Klar ist einzig: Die Schweizer Wirtschaft spielt ab sofort nach neuen Regeln.

Die Ankündigung der Nationalbank schlägt an den Finanzmärkten ein wie eine Bombe. Der Kurs des Frankens schnellt sprungartig in die Höhe (siehe Grafik). Kurzzeitig notiert ein Euro bei gerade noch 85 Rappen. Auch der Dollar fällt. Auf noch etwas über 70 Rappen. Der Swiss Market Index verliert am 15. Januar fast 9 Prozent.

Schock für die Industrie

Auch an den Folgetagen kostet 1 Euro noch rund 1 Franken. Bis in den Herbst erholt sich der Eurokurs wellenartig. Am 11. September knackt der Euro erstmals seit dem folgenschweren SNB-Entscheid die Grenze von 1.10 Franken. Die Schweizer Wirtschaft, namentlich die Industrie, atmet etwas auf. «Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses war für die Firmen der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ein Schock», sagt Peter Dietrich, Direktor von Swissmem, dem Verband der Branche. Denn 80 Prozent ihrer Produkte werden exportiert. «Von einer Minute auf die andere wurden die Produkte im Hauptmarkt Europa um rund 20 Prozent teurer – ein gewaltiger Wettbewerbsnachteil», sagt Dietrich.

In den ersten neun Monaten 2015 seien deswegen die Aufträge um 14 Prozent eingebrochen. «Viel gravierender ist allerdings der Margenverlust.» Rund ein Drittel der MEM-Unternehmen habe Mitte letzten Jahres für 2015 mit einem Verlust gerechnet, sagt der Swissmem-Direktor. Die näher rückende Bilanzsaison wird darüber in Kürze Klarheit verschaffen.

Schon in der ersten Hälfte des Jahres 2015 gehen in der MEM-Industrie gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik rund 4500 Arbeitsplätze verloren. Die Zahlen für das zweite Halbjahr folgen erst Ende Februar. «Wir erwarten aber nochmals einen ähnlichen Rückgang», sagt Dietrich.

Volle Wirkung erst in diesem Jahr

Die Betriebe hätten zwar rasch reagiert und gezielt Massnahmen ergriffen, erklärt Dietrich. Diese dürften 2016 auch zunehmend Wirkung entfalten. Dennoch: «Das volle Ausmass der negativen Auswirkungen der Frankenstärke werden wir aber erst im Verlauf dieses Jahres sehen», sagt Dietrich. Und er warnt: «Auch 2016 dürfte es zu weiteren Restrukturierungen kommen», sagt er. Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbandes, rechnet bis Mitte 2016 gar mit 20 000 Arbeitsplätzen, die wegen der Frankenstärke abgebaut werden.

Auch Stefan Studer, Geschäftsführer von Angestellte Schweiz, befürchtet Schlimmes: «Die am Mittwoch bekannt gegebene Massenentlassung bei Alstom zeigt, dass uns in Bezug auf den Verlust von Arbeitsplätzen in der Exportindustrie das Schlimmste noch bevorsteht.» Statt in die Zukunft, also in Bildung und Forschung, zu investieren, sähen sich viele Firmen gezwungen, zu sparen und Arbeitsplätze zu verlagern oder abzubauen. «Diese Entwicklung ist verhängnisvoll», sagt Studer, «weil dadurch die künftige Wettbewerbsfähigkeit der Industrie geschwächt wird.»

Keine Deindustrialisierung

Eine Deindustrialisierung befürchtet Swissmem nicht. «Die Überbewertung des Schweizer Frankens hat einen beschleunigten Strukturwandel ausgelöst», sagt Dietrich. Diese Veränderungen werden in der Schweizer Wirtschaft tiefe Spuren hinterlassen. «Aber untergehen wird die Schweizer Industrie deswegen nicht», betont Dietrich.

War die Aufhebung des Euro-Mindestkurses aus seiner Warte denn ein Fehlentscheid? «In unserer Beurteilung hatte die SNB aufgrund der massiv expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) gar keine andere Wahl», so Dietrich. Der unbeschränkten Feuerkraft der EZB konnte die Nationalbank nicht standhalten. Aber es nütze nichts, sich heute über diese Frage Gedanken zu machen. «Wir müssen nach vorne schauen», sagt der Swissmem-Direktor.

Konsumenten profitieren

Während die Industrie darbt, hatte der SNB-Entscheid auch positive Aspekte. «Die Schweizer sind reicher geworden», sagt Jan-Egbert Sturm, Direktor der Konjunkturforschungsstelle (KOF) an der ETH Zürich. Und ganze Wirtschaftszweige profitierten von Währungsgewinnen und einem Rückgang bei den durch den Franken diktierten Preisen, so etwa Ausbildungen.

So gaben im Verlauf des letzten Jahres die schweizerischen Detailhändler ihre Währungsgewinne auf importierte Waren in Form von tieferen Preisen an die Konsumenten weiter – wenn auch in der Regel nicht in vollem Umfang. Laut Credit Suisse lagen die Konsumentenpreise wegen der Frankenaufwertung, aber auch wegen des tiefen Ölpreises 1,1 Prozent unter dem Wert von 2014.

Gleichzeitig nahmen mit der Aufhebung der Wechselkursuntergrenze die Auslandeinkäufe der Schweizer Bevölkerung gegenüber 2014 mit 8 Prozent deutlich zu. Sie summierten sich auf eine Summe von rund 11 Milliarden Franken – so viel wie nie zuvor.

Franken soll sich 2017 abschwächen

Zentralschweiz rom. Unsere Region hat sich in der Vergangenheit immer etwas besser geschlagen als der Rest der Schweiz. 2015 wuchs die Zentralschweizer Wirtschaft gemäss Berechnungen der Ökonomen von BAK Basel um 0,8 Prozent. Damit erreichte die Region für einmal «nur» ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum. Zum Vergleich: Die gesamte Schweizer Wirtschaft legte um 0,7 Prozent zu. «Neben der Frankenstärke dämpfte auch der Rohstoffpreiszerfall über den Transithandel die Dynamik», sagt Jonas Stoll von BAK Basel. Darunter haben insbesondere die Rohstoffunternehmen in der Region gelitten, so der Ökonom.

Besser als gesamte Schweiz

Die Mindestkursaufhebung habe aber auch in der Zentralschweiz vor allem die exportorientierte Industrie getroffen, sagt Stoll. Mit einem Minus von 2,2 Prozent lagen die nominalen Warenexporte zwischen Januar und November 2015 jedoch weniger stark im negativen Bereich als in der Schweiz insgesamt (minus 3 Prozent gegenüber Vorjahresperiode).

Vergleichsweise gut abgeschlossen hat laut BAK Basel das Gastgewerbe in der Region. «Sondereffekte haben zu einem vergleichsweise dynamischen Ergebnis beigetragen», sagt Stoll. So hätten eine umfangreiche Promotion der Bank Raiffeisen, das 700-Jahr-Jubiläum der Schlacht am Morgarten sowie das Gästival zahlreiche Besucher in die Zentralschweiz gelockt. Auch der Detailhandel zeigte sich im Vergleich zu anderen Regionen der Schweiz robuster. «Dies ist insbesondere auf die geografische Lage zurückzuführen», erklärt Stoll. Will heissen: Die Distanz zur Grenze ins billigere Ausland ist grösser.

Beschleunigung des Wachstums

Für das laufende Jahr erwartet BAK Basel für die Zentralschweiz wie auch für die gesamte Schweiz eine leichte Beschleunigung des BIP-Wachstums auf 1,1 Prozent. Damit fällt der Dynamikgewinn noch zaghaft aus. «Mit einer markanten Zunahme des Wachstumstempos ist erst 2017 zu rechnen», sagt Stoll. Dann sollen die exportorientierten Unternehmen von der anziehenden globalen Konjunktur sowie einer Abwertung des Frankens gegenüber dem Euro in Richtung 1.15 Franken profitieren.

Die weltweite Erholung wird laut dem «wahrscheinlichsten» Szenario von BAK Basel von reifen Volkswirtschaften getrieben; aufstrebende Volkswirtschaften bleiben im historischen Vergleich schwach, fassen aber langsam Tritt. Zudem ermögliche die Erholung der US-Konjunktur 2016 zwei weitere Zinserhöhungen, die den Aufwertungsdruck vom Franken nehmen sollen. Auch in der Eurozone sollen sich die Erholungstendenzen fortsetzen, sodass die Europäische Zentralbank immer stärker kommunizieren dürfte, ihr Anleihekaufprogramm im Frühjahr 2017 zu beenden.

Markante Rückgänge in Industrie

Stoll warnt aber, dass es für eine Entwarnung noch zu früh sei. «Wie jüngste Beispiele zeigen, sind die
Restrukturierungsmassnahmen noch nicht abgeschlossen. Wir prognostizieren für das Jahr 2016 eine deutliche Verlangsamung der Beschäftigungsentwicklung in der Zentralschweiz insgesamt», sagt er. In der Industrie rechnet BAK Basel im laufenden Jahr mit weiteren markanten Rückgängen der Beschäftigungszahlen.

Tatsächlich sind in unserer Region im letzten Jahr bereits zahlreiche Stellen in der Industrie abgebaut worden. Vielfach werden die Arbeitsplätze ins günstigere Ausland ausgelagert, wie etwa bei Pfisterer, wo rund 100 Jobs von Malters und Altdorf nach Tschechien verlagert werden. In Zug will der Stromzählerproduzent Landis + Gyr 50 und Siemens gar 150 Stellen ins Ausland verlagern – die Aufzählung ist nicht abschliessend.


Leserkommentare

Anzeige: