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Angriff auf Gesundheit der Arbeitnehmer

14. März 2017, 00:00

«Ich arbeite an zwei bis drei Sonntagen pro Monat. Ich kann weder die Zeit kompensieren noch erhalte ich dafür eine Entschädigung. Ich frage mich, ob das normal ist.» Anfragen wie diese erhält die Unia regelmässig über ihre Auskunfts-Hotline «Service Arbeitszeit». Dort können Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ihre Fragen zur Arbeitszeit und zu ihren Rechten stellen. Die Hotline ist für die Unia auch ein Gradmesser, wo bei den Beschäftigten der Schuh drückt. Klar ist: Der Druck auf die Angestellten steigt, Missbräuche bei der Arbeitszeit sind weitverbreitet, und vertragliche Bestimmungen werden oft nicht eingehalten.

Jetzt greifen die Bürgerlichen im Parlament den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmenden frontal an. Vor allem die Arbeitszeiterfassung und geregelte Arbeitszeiten sind ihnen ein Dorn im Auge. Dies, obwohl der Bundesrat die Regelungen zur Arbeitszeiterfassung im Jahr 2016 eben erst gelockert hat.

Konrad Graber (CVP) und Karin Keller-Sutter (FDP) fordern mit Vorstössen noch mehr Deregulierung und einen Abbau des Arbeitsschutzes: Sie möchten die Arbeitszeiterfassung aushebeln. Für bestimmte Personengruppen wollen sie die Höchstarbeitszeiten abschaffen und das Verbot der Nacht- und Sonntagsarbeit ausser Kraft setzen. Diese Verschlechterung für Arbeitnehmende ist ein direkter Angriff auf den Gesundheitsschutz! Denn für sie bedeutet Deregulierung: mehr Stress.

Graber will die Schutzbestimmungen im Dienstleistungssektor schleifen. Aber gerade dort ist der Stress sehr hoch, wie verschiedene Studien zeigen. Auch eine kürzlich publizierte Unia-Umfrage in büronahen Dienstleistungsberufen zeigt: 70 Prozent stehen bei der Arbeit oft oder immer unter Stress. Viele fühlen sich unmotiviert, ausgelaugt, nervös und gereizt oder körperlich angeschlagen. Gründe sind Zeit- und Leistungsdruck, überlange Arbeitstage und Arbeiten in der Freizeit. Gerade im Dienstleistungsbereich wird oft ständige Erreichbarkeit gefordert. Das macht die Menschen krank.

Gelten keine Höchstarbeitszeiten mehr, leidet nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wenn Arbeitnehmende mehr als 50 Stunden pro Woche verfügbar sein müssen, stellt das Personen mit Familienpflichten vor Probleme. Der Gleichstellung und der Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt wird damit ein Bärendienst erwiesen. Mit der Initiative von Keller-Sutter würden Hunderttausende Arbeitnehmende von der Arbeitszeiterfassung ausgeschlossen: Unter die Gummi-Begriffe «Fachspezialist/in» und «leitende Angestellte», die künftig ihre Zeit nicht mehr aufschreiben dürften, fallen bis zu 40 Prozent der Angestellten.

Die Arbeitswelt verändert sich. Stress und Arbeitsbelastung betreffen alle. Das hat Auswirkungen auf die Gesundheit und das Privatleben. Das Arbeitsgesetz ist ein notwendiger – und häufig der einzige – Schutz gegen das Arbeiten rund um die Uhr, zerstückelte Einsätze, ständige Erreichbarkeit, Stress und Burn-out.

Geregelte Arbeitszeiten und die Zeiterfassung sind das wirksamste Mittel gegen Überlastung am Arbeitsplatz. Die Angestellten brauchen ein Arbeitsgesetz, das Schutz vor Missbrauch bietet. Die Gewerkschaften wollen den Gesundheitsschutz auch in den Gesamtarbeitsverträgen stärker verankern und die Arbeitszeiten auch in neuen Arbeitssituationen (Stichwort Home-Office) möglichst gut regeln. Starke Gesamtarbeitsverträge bieten einen wirksamen Schutz – auch gegen die Deregulierung von Arbeitszeiten.

Vania Alleva

Präsidentin Gewerkschaft Unia


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