Kopf des Tages

Aufruhr bei einer italienischen Institution

MEDIEN ⋅ Roberto Napoletano soll die Leserzahlen seiner Wirtschaftszeitung geschönt haben. Seine Angestellten streiken, bis der Chefredaktor endgültig geht.
14. März 2017, 00:00

Die auf gelblichem Papier gedruckte Zeitung ist das italienische Pendant zur «Financial Times» in der Londoner City und zum «Wall Street Journal» in New York: Wer in Mailand «Il Sole 24 Ore» unter den Arm geklemmt hat, wird von den Normalsterblichen als Banker, Manager, Broker, Unternehmer oder – weiter unten in der Hierarchie – als (bürgerlicher) Politiker wahr­genommen. Das Blatt verleiht seinem Käufer eine Aura von Wichtigkeit, Geld und Seriosität. So war es zumindest bis vor wenigen Tagen.

Derzeit erlebt «Il Sole 24 Ore» jedoch gerade einen Image-Super-GAU. Am Freitag haben Beamte der Finanzpolizei dem Hauptsitz des Verlags an der Mailänder Via Monte Rosa einen unangemeldeten Besuch abgestattet und Akten beschlagnahmt. Der Vorwurf der Staatsanwälte: Die Zeitung habe die Auflagezahlen massiv nach oben geschönt. Betroffen ist vor allem die digitale Ausgabe. Der Verlag hatte im März 2016 behauptet, 226000 Online-Abonnements verkauft zu haben – die tatsächliche Zahl beträgt gerade einmal gut die Hälfte davon. Aber auch die gedruckte Auf­lage sei mit 165000 Exem­plaren deutlich zu hoch angegeben worden sein: Ein «signi­fikativer Teil» davon sei direkt von der Druckmaschine im Altpapier gelandet.

Im Zentrum des Skandals steht Chefredaktor Roberto Napoletano, der die Zeitung seit 2011 leitet. Ihm wird die Verbreitung falscher Zahlen vorgeworfen. Neben Napoletano befinden sich weitere neun aktuelle und ehemalige Manager und Verwaltungsräte im Visier der Justiz. Auch ihnen wird vorgeworfen, Inserenten falsche Zahlen vorgegaukelt zu haben, um so höhere Preise für Anzeigen verlangen zu können. Chefredaktor Napo­letano, unter dem das Online-Angebot von «Il Sole 24 Ore» neu strukturiert und massiv ausgebaut worden ist, hat sein Amt inzwischen «ruhen» lassen. Der Redaktion genügt dies nicht: Sie trat gestern in einen unbefristeten Streik, der so lange andauern soll, bis der Chefredaktor unwiderruflich zurückgetreten ist.

Peinlich ist die Affäre auch für die Confindustria, Italiens einflussreichen Arbeitgeberverband.Die Industriellen waren lange Zeit Herausgeber des «Sole 24 Ore» und seit dessen Börsengang im Jahr 2007 mit 67 Prozent der Aktien immer noch Hauptaktionäre. Die Zeitung, die der Confin­dustria jahrzehntelang Einfluss und Prestige gesichert hatte, ist schon länger das wichtigste Sorgenkind des Verbands: Seit dem Börsengang hat der Verlag des «Sole 24 Ore», zu dem auch ein Radio und die Agentur Radiocor gehören, schon über 90 Prozent seines Werts ver­loren; im vergangenen Jahr resultierte laut Verlagsangaben ein Verlust von 49 Millionen Euro. Mit den Ermittlungen wegen der geschönten Auflagezahlen ist neben dem finan­ziellen auch ein moralischer Tiefpunkt erreicht worden.

Die streikende Belegschaft verlangt angesichts der ­«äusserst gravierenden Sachverhalte», welche die Glaubwürdigkeit der ganzen Gruppe beschädigten, seitens des Verlags und der Confindustria unverzüglich ein «Zeichen von Transparenz». Ein ernsthafter Plan für einen Neuanfang in allen Teilen des Verlags sei ebenso unaufschiebbar wie eine Rekapitalisierung, hiess es in einem gestern verbreiteten Communiqué. Zur Sanierung der Zeitung sind laut italienischen Medienberichten bis zu 100 Millionen Euro erforderlich.

Dominik Straub, Rom


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