Kopf des Tages

Der «Bonner Autokrat»

KONRAD ADENAUER ⋅ Heute vor 50 Jahren starb der Vater der Bundesrepublik Deutschland. Jüngst sorgte der legendäre Bundeskanzler mal wieder für Negativschlagzeilen.
19. April 2017, 00:00

Für viele ist Konrad Adenauer ein Held. Der Mann, der sein Land nach den deutschen Gräueltaten während der Herrschaft der National­sozialisten zurück in die Riege der westlichen Demokratien geführt hat. Adenauer, 1876 geboren, war der erste Kanzler der 1949 gegründeten Bundesrepublik. Doch seine politische Karriere begann schon viel früher. 1917 wurde er zum Oberbürgermeister seiner Geburtsstadt Köln gewählt – als dazumal jüngster Politiker, der dieses Amt in einer deutschen Grossstadt je ausgeübt hatte. Adenauer, der der katho­lischen Zentrumspartei angehörte, stand bis 1933 der Stadt Köln vor.

Nach der Macht­übernahme enthoben die Nazis Adenauer seines Amtes. Bis 1945 lebte er als Pensionär in Rhöndorf unweit von Köln. Nach dem ge­scheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Adenauer in­haftiert, im Dezember selben Jahres kam er aber wieder frei. Nach der Befreiung Kölns ernannten ihn die britischen Besatzer wieder zum Ober­bürgermeister. Doch Adenauer hatte Grösseres vor. 1949 wurde er vom ersten Bundestag zum Kanzler gewählt. Ein Amt, das er bis 1963 innehatte und von dem er sich nur schwer trennen konnte. Vergeblich versuchte er zu verhindern, dass der Vater des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard – von dem Adenauer nicht sonderlich viel hielt – zum neuen Kanzler gewählt wurde.

Es war auch Adenauers Weigerung, sich mit der neuen Macht im Dritten Reich zu arrangieren, die ihn zu einem Helden im Nachkriegsdeutschland machte. Doch sein Verhältnis zu den Nationalsozialisten blieb stets widersprüchlich. So hatte er sich bereits Ende 1932 für eine Regierungsbildung von Zentrum und NSDAP in Preussen aus­gesprochen. Und auch während seiner Kanzlerschaft tätigte er zweifelhafte Personalentscheide. So war Hans Globke zwischen 1953 und 1963 Adenauers ­Kanzleramtsminister. Der Jurist Globke war es aber auch, der die Nürnberger «Rassengesetze» mitverfasst und kommentiert hatte.

Heute ist das Bild Adenauers eines mit vielen Wider­sprüchen. 2003 wurde er im Rahmen einer Sendung des ZDF zum «grössten Deutschen» gewählt. Vor Martin Luther und Karl Marx. Doch die historische Betrachtung zeigt auch das Bild eines machtbewussten Politikers, der nicht davor zurückschreckte, die politische Konkurrenz zu bespitzeln, wie der «Spiegel» jüngst berichtete. Auch scheute er sich nicht davor, Journalisten zu verfolgen – wie ebenfalls Journalisten des «Spiegels» am eigenen Leib erfahren mussten. Nach der Veröffentlichung eines Berichts über ein Nato-Manöver wurden mehrere Mitarbeiter des ­Nachrichtenmagazins – darunter auch «Spiegel»-Gründer und Chefredaktor Rudolf Augstein – für mehrere Monate wegen des Vorwurfs des ­Landesverrats in Untersuchungshaft genommen.

Nicht zuletzt deshalb schrieb das Magazin in seiner Titel­geschichte zu den Schatten­seiten des legendären Kanzlers vom «Bonner Autokraten». Das mag an heutigen Mass­stäben gemessen stimmen. Doch Adenauer war sicher auch vor allem eines: ein Kind seiner Zeit.

Dominik Weingartner


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