Der Fussball auf der Abschussliste

13. April 2017, 00:00

Anschläge Der Fussball steht schon länger im Visier von Terroristen. Manchester 1996: Die nordirische IRA verübt während der EM in England ein Attentat. Madrid 2002: Vor dem Halbfinalrückspiel der Champions League zwischen Real Madrid und Barcelona explodiert in der Nähe des Bernabéu-Stadions eine Autobombe der baskischen ETA. 2010: Während des WM-Finals verübt die Al-Shabaab-Miliz ein Bombenattentat auf ein Strassencafé in Ugandas Hauptstadt Kampala – 70 Fussballfans kommen ums Leben. 2014: Während der WM-Partie zwischen Brasilien und Mexiko sprengt sich bei einem Public Viewing in Nigeria ein Attentäter in die Luft – 21 Menschen sterben. Dezember 2016: Vor dem Stadion von Besiktas Istanbul detonieren zwei Autobomben. Dutzende Menschen kommen um, Hunderte werden verletzt.

Die Pariser Terroranschläge im November 2015 sollten beim Testspiel ­zwischen Frankreich und Deutschland im Stade de France verübt werden; nur das kühne Einschreiten von Sicherheitsmännern verhinderte Schlimmeres. Wenige Tage später wurde das Länderspiel zwischen Deutschland und Holland in Hannover wegen einer Bombendrohung abgesagt; das Stadion wurde evakuiert. Die Terrormiliz IS drohte 2014 dem damaligen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter, Langstreckenraketen auf Katar abzu­feuern, sollte die WM im Emirat statt­finden. Spätestens hier wurde deutlich, dass der Fussball auf der Abschussliste der Islamisten steht.

«Eine weltweite Bühne» für Terroristen

Warum ist der Sport immer häufiger Ziel terroristischer Anschläge? «Sportveranstaltungen sind soft targets, weiche Ziele mit grossem Publikum», sagt Terrorismus­experte Jonathan R. White, Professor an der Grand Valley State University. «Die Terroristen versuchen eine Aura der Macht zu schaffen, die auf Angst gründet.» John Horgan, Psychologieprofessor an der Georgia State University, ergänzt: «Sportveranstaltungen sind hoch­symbolisch und bieten eine weltweite Bühne. Terroristen wissen, dass sie ein globales Publikum erreichen.» Millionen Menschen sassen am Abend des 13. November 2015 vor den TV-Bildschirmen, als drei Bomben vor dem Stade de France detonierten. Der Knall der Explosionen grub sich ins Gedächtnis ein. Wenn in der Kurve ein Böller gezündet wird, erschrecken die Fans, geraten in Panik – das ist die psychologische Wirkung des Terrors. DFB-Vizepräsident Rainer Koch sagte damals: «Unsere Spieler sind ein attraktives Angriffsobjekt.»

Nur dank der Wachsamkeit der Sicherheitsbehörden wurde ein weiterer Anschlag im Stadion von Hannover vereitelt. Laut Informationen der «Bild-Zeitung» hätten mehrere Bomben während des Spiels explodieren sollen. Bei der WM 2006 in Deutschland schlug ein isla­mistischer Anschlag auf zwei Regionalzüge fehl. Auch ein WM-Stadion sollen die Terroristen im Visier gehabt haben.

In Zeiten, in denen Städte mit Pollern und Soldaten zu Hochsicherheitszonen aufgerüstet werden, bilden Mannschaftsbusse und Stadien ein weiches Ziel für Terroristen – trotz Einlasskontrollen und personalisierter Tickets. Bei 50000 oder mehr Stadionbesuchern kann man aus Zeit- und Kostengründen nicht jeden einzelnen Fan wie am Flughafen kontrollieren. Es mag fatalistisch klingen, aber der Fussball muss mit einem gewissen Restrisiko leben.

Adrian Lobe


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