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Der kränkelnde gallische Hahn

19. April 2017, 00:00

Zur Beachtung: Dies ist eine nostalgische Kolumne.

Ob der General, der zu Füssen des mächtigen Lothringer Kreuzes in der Erde von Colombey-les-deux-Eglises ruht, mit seiner V. Republik noch in Frieden ruhen kann?

Seit Pompidou verliert die französische Staatsspitze mit jedem weiteren Nachfolger ein Stück an Erhabenheit und Autorität, mit dem reformwilligen Giscard halbwegs gewollt, nach dem linken Monarchen Mitterrand dann nur noch ungewollt: Chirac, Sarkozy, Hollande – sterbende Herrlichkeit.

Nun war die Gloire schon zu de Gaulles Zeiten eine hold­selige Projektion. Doch der damalige Zauber der Selbstbeeindruckung hatte noch ein solides Fundament; die Staatsleute – Gegenspieler wie Mendes France eingeschlossen – hatten Statur, hatten ihre unzweifelhafte Integrität, ihre patriotische Mission.

Inzwischen ist der Glanz präsidialer Repräsentation bestenfalls Trompe-l’oeil. Und das um diesen trügerischen Schimmer noch immer beneidete Volk der Franzosen kann von Glück sagen, wenn es Präsidentschaftsanwärter vor sich hat, die zumindest eine Unschuldsvermutung reklamieren können...

Moralische Verluderung ist nur in krassen Fällen justitiabel. Die gesetzlichen Grau­zonen gehören zum liberalen System. Aber suspendieren sie denn schon von jedem Unrechtsbewusstsein? Wer das für seine Person bejaht, arbeitet am Ruin des Systems.

Fillon hatte die Unverfrorenheit, sich als Opfer zu beklagen, denunzierte die Justiz als willfähriges Instrument der Politik, versündigte sich damit gleich noch einmal gegen den Geist der Republik – und liess sich dafür frenetisch bejubeln.

Allesamt Praktikanten der Unschuldsvermutung? Den Hauptharst der trikoloreschwenkenden Masse stellten vermutlich die abgebrühten Parteigänger, deren Bürgersinn einzig nach ideologischer Konsonanz steht: Vertritt «unser Mann» in flotter Rede ein ebensolches Programm, kann man von ihm nicht auch noch Charakter verlangen... Auch «unserer Frau», «Marine Présidente!», die fast schon mit Charme hysterisiert, gilt der Jubel eines verkümmerten Bürgersinns.

Und Macron? Das jugendlich unschuldige Gesicht des – leicht liberalisierten – Status quo? Es ist vielen schon ein Versprechen.

Mein Zeitschriftenhändler von Orange übertreibt masslos, wenn er aus seiner maulfaulen Mürrischkeit herausbricht: «Schauen Sie sich doch um, alles ist in Auflösung, alles im Eimer, eine einzige Poubelle! Wahlen? Bah! Wer glaubt noch an ein Changement!»

Frankreich ist nicht nur reformpolitisch blockiert, was allein schon die Gewerkschaften zuwege bringen; es steckt auch in einer ideellen Orientierungskrise. Und die ist nicht bloss mit dem Erschöpfungszustand der Parteien und der Glaubwürdigkeitslücke ihrer Exponenten zu erklären. Auch das intellektuelle Frankreich wirkt ermüdet und er- müdend, fixiert auf die Islamfrage.

Dass es die Geister beleben und zum Aufbruch ermutigen sollte, ist zu viel verlangt. Der radikale Zweifel ist sein Fach. Doch wo soll er – über einen Bourdieu oder Derrida hinausweisend – noch ansetzen? Der philosophisch geneigte Leser beugt sich etwas ratlos über die Büchertische – die neueste Sloterdijk-Übersetzung vielleicht...? Finkielkraut, Bruckner, Levy und Co. machen einen Raymond Aron, den liberalen Leuchtturm der Nachkriegsjahrzehnte, jedenfalls nicht ver­gessen.

Auf die Frage nach den massgeblichen Werten nannte Aron unverweilt die beiden Begriffe Wahrheit und Freiheit, «in meinen Augen nicht voneinander zu trennen».

Vergilbt und brennend aktuell.


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