Kopf des Tages

Die Alternative zu Petry

ALICE WEIDEL ⋅ Gut möglich, dass die 38-jährige Unternehmensberaterin am heutigen Parteitag zum neuen weiblichen Gesicht der AfD aufgebaut wird.
22. April 2017, 00:00

Alice Weidel ist so etwas wie ein Überbleibsel der Alternativen für Deutschland (AfD) seiner Gründerzeit, als der Partei noch der etwas spröde wirkende Volkswirtschaftsprofessor Bernd Lucke vorstand. Lucke hat die Partei im Sommer 2015 im Streit verlassen, mitgenommen hat er fast alle sonstigen Ökonomen, die sich in der Partei aufhielten. Weidel, promovierte Volkswirtin, ist geblieben. «Weil ich von unserem Programm überzeugt bin», erklärte sie in einem Interview.

Ihr baden-württembergischer Landesverband bringt Weidel für den heutigen Parteitag in Köln jedenfalls in Stellung. Nach dem Verzicht der Co-Vorsitzenden Frauke Petry ist die zerstrittene Partei auf der Suche nach Spitzenkandidaten für die Bundestagswahlen. Alice Weibel wäre so etwas wie die passende Alternative zur Chemikerin Petry. Sie wäre auch eine Alternative zu den stramm rechts politisierenden Exponenten der Partei. Björn Höcke etwa, André Poggenburg oder Alexander Gauland. Während diese Herren mit provokativen Äusserungen gemässigte Wähler verschrecken, gibt sich Weidel betont moderat. Dabei ist sie in der Sache gar nicht so gemässigt: In einer Talkshow machte sie Bundeskanzlerin Merkel indirekt für jede von Flüchtlingen begangene Straftat in Deutschland verantwortlich.

Nach der hohen Zustimmung zu Erdogans Referendum der Deutschtürken sagte sie, die in Deutschland lebenden Türken, die für Erdogan votiert hatten, sollten «dahin- gehen, wo sie auch hingehören: in die Türkei». Darüber hinaus solle ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden. Schrille Töne. Doch wenn Weidel solche Forderungen aufstellt, klingt das versöhnlicher, als wenn ein Björn Höcke mit Pathos vor dem Verlust der deutschen Kultur wegen der Einwanderer warnt.

Weidel ist eine moderne Frau in einer konservativen Partei, eine Kosmopolitin. Sechs Jahre lang hat sie in China für die Bank of China gearbeitet, später sammelte sie bei Goldman Sachs und diversen Start-ups Erfahrungen, inzwischen ist sie selbstständige Unternehmensberaterin. Mit ihrer Schweizer Lebenspartnerin zieht sie am Bodensee ihre zwei Söhne auf. Von der direkten Demokratie in der Schweiz und der Möglichkeit der politischen Partizi­pation ihrer Partnerin ist sie begeistert. Mehr Bürgerbeteiligung wünscht sich Weidel auch für Deutschland. Nur vorübergehend war Weidels private Situation in den Medien ein Thema: Eine kluge, lesbische Frau engagiert sich ausgerechnet in einer Partei, die die Homo-Ehe strikte ablehnt und Sexualkundeunterricht in der Schule verteufelt? Einen Widerspruch zu ihrer Lebenssituation und ihrer Mitgliedschaft in der AfD sieht sie nicht. Man müsse zwischen Privatem und Politik und dem, was der Staat verkörpere, trennen, sagte sie einmal.

Christoph Reichmuth, Berlin


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