«Die Lebensmittelindustrie manipuliert uns»

22. April 2017, 00:00

Der ehemalige Programmchef von Radio SRF 1, Heinrich von Grünigen, leitet seit rund 15 Jahren die Geschäftsstelle der Schweizerischen Adipositas-Stiftung. Der 75-Jährige war lange Zeit selbst stark übergewichtig. Er will das Bild der Fettleibigen in der Öffentlichkeit verändern und er will, dass Politik und Lebensmittelhersteller in die Verantwortung ­genommen werden – wenn es um den Zucker geht.

Heinrich von Grünigen, lange Zeit galt Fett als ungesund, eine fettreduzierte Ernährung schien der Schlüssel für eine gute Gesundheit. Jetzt soll plötzlich der Zucker an allem schuld sein?

Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts war man der Auffassung, dass Kohlenhydrate als «Brennstoff» im Körper verbraucht würden, während ein Zuviel an Fett zu unerwünschten Depots führen müsse. Erst in den letzten Jahren wurde aufgedeckt, wie die US-Zuckerindustrie den Schwarzen Peter für Übergewicht, Adipositas und deren Folgekrankheiten dem Fett zugeschoben hatte. In der Folge ging der Fettkonsum merkbar zurück; im Gegenzug wurden als Konservierungsmittel und zur Geschmacksverstärkung immer neue Zuckerarten in der indus­triellen Lebensmittelfertigung eingesetzt. Das Ausmass dieser Entwicklung wurde erst realisiert, als das sogenannte amerikanische Paradox entdeckt wurde: die Tatsache, dass die Bevölkerung Amerikas nach wie vor immer dicker wurde, obwohl sie nachweislich weniger Fett verzehrte.

Gibt es auch in der Schweiz eine Zuckerlobby? Unser hoher Zuckerkonsum liesse es vermuten.

Die Zuckerproduktion hat sowohl in der Schweizer Landwirtschaft ihre Bedeutung als auch in der wirtschaftlichen Landesversorgung, aber sie hat nicht den dominierenden Einfluss wie in den USA, wo ganze Landstriche von der Maisproduktion als Monokultur abhängig sind. Politisch aktiv ist die Informations­gruppe Erfrischungsgetränke, in der die ­Produzenten aller Mineralwässer und gezuckerten Limonaden zusammen­geschlossen sind. Diese wehren sich ­vehement gegen jede Art von Auflagen mit dem Hinweis, dass neben jedem ge­zuckerten Getränk auch ein künstlich gesüsstes Produkt verfügbar sei.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine maximale Menge von 25 Gramm Zucker pro Tag. Die meisten Schweizer liegen deutlich darüber. Mit welchen Folgen?

In der Schweiz ist jeder zweite Erwachsene übergewichtig, jeder zehnte leidet an Adipositas, wir liegen im europäischen Durchschnitt. Die Gesundheitskosten, die direkt und indirekt durch Adipositas verursacht werden, belaufen sich auf neun Milliarden Franken. Eine Reduktion des Zuckerkonsums könnte die Gesundheitskosten positiv beein­flussen.

Sie begrüssen eine Besteuerung von Süssgetränken. Stellen Sie damit den Zucker nicht auf das gleiche Level wie den Alkohol?

Auch dem Zucker wohnt ein «Genuss-faktor» inne. Wenn übermässiger Konsum nachweislich zu gesundheitlichen Schäden führt, sind Warnungen und Restriktionen angebracht. Die Lebensmittelindustrie «designt» ihre Produkte so, dass sie Lust auf mehr wecken, um den Konsum zu steigern. Es entstehen «Süchte», was auch auf den Zucker zutrifft. Deshalb begrüsse ich jedes Mittel, um den Konsum in die Schranken zu weisen. Eine zentrale Voraussetzung für eine Besteuerung von Zucker ist jedoch, dass diese Einnahmen gezielt der Prävention von Adipositas und damit verwandten Krankheiten zugutekommt.

Wie halten Sie es selbst mit dem Zucker?

Ich selber ernähre mich seit anderthalb Jahren «ketogen», das heisst, ich verzichte praktisch vollständig auf indus­triellen Zucker, esse pro Tag eine Frucht und viel Gemüse. Ich verwende hauptsächlich naturbelassene Lebensmittel.

Interview: Katja Fischer De Santi


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