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Die Totalverwertung des Menschen

23. März 2017, 00:00

Wenn ich die aktuelle Diskussion zur Rentenreform verfolge, denke ich oft an Sterbehilfe. Ich denke nicht an AHV-Löcher oder Senioren-Yoga, sondern an Einsamkeit. Die globalisierten Märkte und der damit verbundene Mobilitätsdruck reissen die Familien geografisch auseinander. Die Jungen rudern im internationalen Markt herum, während sich die Alten im Heim oder in anderen Ersatzstrukturen der Nächstenliebe treffen und das positive Denken üben. Und wenn das auch nicht klappt, gibt es immer noch den Giftbecher von Exit.

Bei Diskussionen über Familienpolitik oder Schulreformen denke ich nicht an das weltbewegende Problem der Krippenplätze, auch nicht an die Kompetenzorientierung eines modernen, einheitlich geregelten Schulprogramms. Ich denke an die Eltern aus einfachen Verhältnissen, die ich aufgrund meiner eigenen Herkunft kenne. Handwerker und Hilfsarbeiter, die immer mehr schuften müssen, bei steigenden Kosten und gleichbleibenden Löhnen. Mütter, für die der Arbeitsplatz kein Ort der feministischen Befreiung ist, sondern eine Abhängigkeit, die sie lieber gegen mehr Zeit für die Familie eintauschen würden.

Und was die Schule betrifft: Kompetenzorientierung und einheitliche Programme riechen für mich nicht nach Liebe zum Schüler, sondern nach Ökonomisierung des Bildungswesens. Wenn meiner kleinen Tochter vor allem beigebracht wird, etwas kompetent anzuwenden, wenn ihr Output dabei einheitlich gemessen und kompetitiv mit dem Output anderer Schüler verglichen wird, dann nicht, damit sie durch Bildung zu sich selbst findet, zum eigenen reflektierten Sein und zu einem für die Demokratie grundlegenden kritischen Geist. Nein, dann wird das junge Mädchen bereits wie Humankapital behandelt.

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich als Vater ja mein nächstes, möglicherweise krankes und leistungsunfähiges Kind schon vor der Geburt via PID vernichten darf: offiziell natürlich nur, um uns viel Leid zu ersparen. Zu diesem Optimierungskult passt es auch, dass den Frauen heute auf fast allen Kanälen suggeriert wird, die Mutterschaft sei nur eine nebenberufliche Unterbrechung der Freuden des Erwerbslebens. Und dass jede Frau natürlich das volle Recht hat, ihren Körper zu vermarkten, Stichwort Leihmutterschaft oder «social freezing»: Damit gemeint ist das Einfrieren unbefruchteter Eizellen, idealerweise bis zum Alter von etwa 45 Jahren, also bis die geschätzte Mitarbeiterin ersetzt werden kann durch ein jüngeres und günstigeres Modell. Aber vielleicht gehört das alles zum ganz normalen globalen Wahnsinn, irgendwo zwischen Reproduktionsmedizin und Gender Mainstreaming. Zwischen Neoliberalismus und Populismus. Zwischen EU-Krise, Putin und Trump. Oder wie Dürrenmatt es formulieren würde: «Die Welt ist eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten ist.»

Giuseppe Gracia

Schriftsteller und Medienbeauftrager Bistum Chur


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