Die Verladelösung auf dem Prüfstand

GOTTHARD ⋅ Lehnt das Volk die zweite Röhre ab, muss der Bund Verladestationen bauen. Das ist billiger als ein neuer Tunnel. Doch taugt diese Alternative? Die Meinungen sind geteilt.

12. Januar 2016, 00:00

Kari Kälin

1. November 2010: Doris Leuthard (CVP) übernimmt das Verkehrsdepartement (Uvek). Das Dossier Sanierung Gotthard-Strassentunnel hat ihr Vorgänger Moritz Leuenberger (SP), ein Gegner der zweiten Röhre, aufgegleist. Es erstaunt daher nicht, dass Leuthard noch am 17. Dezember 2010 verkündet, der Bundesrat wolle für die Renovation des bestehenden Tunnels keinen zweiten bohren. Stattdessen schwebt ihm eine längere Sperrung vor, Lastwagen und Autos würden während dieser Zeit auf die Bahn verladen.

Sperre während fast 1000 Tagen

Zweieinhalb Jahre später, am 27. Juni 2012, folgt die Kehrtwende. Der Bau einer zweiten Röhre mit anschliessender Sanierung der ersten sei die optimalste Lösung, sagt Leuthard. Danach sollen beide Röhren nur je einspurig befahren werden, um dem Alpenschutzartikel Rechnung zu tragen, sprich die Kapazität nicht zu erweitern.

Am 28. Februar kommt diese rund 2,8 Milliarden Franken teure Variante vors Volk. Bei einem Nein muss der Bundesrat wieder die Verladelösung aus der Schublade ziehen, die rund die Hälfte (1,44 bis 1,66 Milliarden Franken) kostet (siehe Grafik). Voraussichtlich würden sämtliche Sanierungsarbeiten zwischen 2019 und 2025 erledigt. Während insgesamt 980 Tagen, verteilt auf dreieinhalb Jahre, müsste der Tunnel total gesperrt werden. Um während dieser Zeit (jeweils zwischen Mitte September und Ende Juni) den Personen- und Lastwagenverkehr zu managen, plant der Bund zwei Investitionen, die nach der Sanierung des Tunnels wieder abgebaut würden:

 

  • den Bau einer Rollenden Landstrasse (Rola) zwischen Rynächt bei Erstfeld und Biasca für Lastwagen;

 

 

  • eine Verladestation für Autos zwischen Göschenen und Airolo.

 

Transporte von 5 bis 22.30 Uhr

Die Rola zwischen Rynächt und Biasca durch den neuen Neat-Tunnel könnte pro Stunde in beide Richtungen insgesamt 150 Lastwagen befördern. Der Flächenbedarf entspricht 19 Fussballfeldern. Der Transport würde zwischen 5 Uhr morgens und 22.30 Uhr abgewickelt, betrieben werden müsste die Anlage von 4 bis 24 Uhr. Heute brettern jährlich rund 900 000 Lastwagen durch den Gotthard-Strassentunnel. Der Bund geht davon aus, dass 600 000 Lastwagen die Rola benützen und die restlichen andere Routen wählen würden. Alles in allem (Wartezeit, Verlad, Transport und Ablad) dürfte die Fahrt zwischen Erstfeld und Biasca mit der Rola an Werktagen rund zweieinviertel Stunden dauern, an Spitzentagen fast dreieinhalb Stunden. Kosten würde die Fahrt voraussichtlich 105 Franken.

600 Autos pro Stunde und Richtung

Die Autofahrer können ihre Fahrzeuge gratis von Göschenen nach Airolo und umgekehrt transportieren lassen. Mit dieser Massnahme will der Bundesrat vermeiden, dass die Lenker auf andere Nord-Süd-Übergänge ausweichen. Der Flächenbedarf beträgt auf beiden Seiten rund drei Fussballfelder. Der Bund geht davon aus, dass im 71/2-Minuten-Takt rund 600 Autos pro Stunde und Richtung durch den Gotthard geschleust werden können, macht bei 18 Betriebsstunden 10 800 Autos pro Tag und 3,88 Millionen pro Jahr. Zum Vergleich: Heute fahren jährlich 5 Millionen Autos durch den Tunnel.

Der Bündner CVP-Ständerat Stefan Engler, Mitglied des überparteilichen Pro-Komitees, hegt denn auch grösste Zweifel, ob die Verladeanlagen den Verkehr schlucken könnten. «Das Risiko, dass die Verladelösung kollabiert, ist zu hoch, als dass man sich darauf einlassen dürfte», sagte er neulich an einer Presse­konferenz.

Grüne pochen auf Plan B

Noch in der Botschaft zur Sanierung des Gotthardtunnels betonte der Bundesrat, eine Rola wäre technisch machbar und könnte «leistungsfähig und attraktiv» ausgestaltet werden. In den Faktenblättern zur Abstimmung tönt es weniger positiv. Die Verladelösung sei teuer, nicht nachhaltig und brauche viel Land. Regula Rytz, Berner Nationalrätin und Co-Präsidentin der Grünen, ärgert sich über die negative Bewertung der Verladealternative. «Der Kanton Tessin wäre weiterhin gut erschlossen, und der Privat- und Lastwagenverkehr können mit einer attraktiven Lösung gut bewältigt werden», so die Tunnelgegnerin. Ausserdem sei dieser Plan B laut Untersuchungen des Bundes auch langfristig deutlich günstiger. Die jährlichen Betriebs- und Unterhaltskosten eines zweiten Tunnels würden gemäss Angaben des Bundes mit rund 24 bis 30 Millionen Franken zu Buche schlagen. Regula Rytz geht davon aus, dass früher oder später in beide Richtungen beide Spuren für den Verkehr geöffnet würden. «Man lässt die Leute nicht im Stau stehen, wenn eine zweite Fahrbahn zur Verfügung steht. Man baut nicht einen zweiten Stock in einem Haus, um ihn nachher nicht zu bewohnen», argumentiert Rytz.

Das überparteiliche Pro-Komitee hält derweil die Verladelösung für unsinnig. Da der Gotthardtunnel alle 30 bis 40 Jahre neu saniert werden müsse, sei es nicht nachhaltig, die Verladeanlagen für teures Geld immer wieder auf- und abzubauen und dabei erst noch die Landschaft zu verschandeln.

Bundesrat sieht keinen Zeitdruck

Der Bundesrat hat bis jetzt 6 Millionen Franken zu Gunsten von Projektierungsarbeiten einer zweiten Röhre ausgegeben, für die Verladevariante noch keinen Rappen. Dass er bei einem Nein zur zweiten Röhre in Zeitnot gerät, glaubt er nicht. Der Bau der Verladeanlagen dauere lediglich drei bis vier Jahre und könne auch bei späterem Projektierungsbeginn immer noch rechtzeitig in Betrieb genommen werden, schrieb der Bundesrat 2013 in der Antwort auf eine Motion von Regula Rytz.

Mittlerweile haben auch neue Fakten den Druck gelindert: Laut einem Bericht des Bundesamtes für Strassen kann der bestehende Tunnel mit einigen notwendigen Sanierungsmassnahmen neu bis 2035 sicher betrieben werden. Noch 2010 waren Experten davon ausgegangen, dass die Zwischendecken in den Eingangsbereichen spätestens bis 2025 hätten ersetzt werden müssen. Dafür hätte der Tunnel – auch beim Bau einer zweiten Röhre – auf jeden Fall während 140 Tagen total gesperrt werden müssen.


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