Die Versuchung lauert überall

ERNÄHRUNG ⋅ Wir essen zu viel Zucker, der uns längerfristig dick und krank macht. Der süsse Stoff steckt in 75 Prozent aller verarbeiteten Lebensmittel. Denn Zucker ist billig, bringt Geschmack, erhöht die Haltbarkeit – und er macht süchtig.
22. April 2017, 00:00

Katja Fischer De Santi

Als Dominique Bachmann beschliesst, keinen Zucker mehr zu essen, ahnt sie nicht, wie schwierig das Einkaufen werden würde. Ihre Einkaufstouren dauern seither etwas länger und ihr Korb bleibt trotzdem praktisch leer. «Es gibt kaum industriell hergestellte Produkte, die keinen Zucker enthalten», sagt die 27-Jährige Marketingspezialistin. Selbst Schinken, Fertig-Salatsauce, Frischkäse oder Salzstangen enthalten Zucker. Dominique Bachmanns Wille, sich diesem «Zuckerzwang» nicht mehr länger auszusetzen, wird dadurch nur noch bestärkt. «Jetzt erst recht», beschliesst sie. «Als ich realisierte, dass ich allein mit meinen scheinbar gesunden Säften und Joghurts ungewollt eine riesige Menge Zucker zu mir nehme, war das erschreckend.» Ein Buch und der Beistand der Mutter gaben schliesslich den Ausschlag, es doch mal zuckerfrei zu versuchen. «Ich mag Herausforderungen.»

Wir Schweizer lieben Zucker, nur die Amerikaner essen mehr davon

Wir Schweizer lieben Zucker. Nur die Amerikaner mögen es noch süsser. Gemäss der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) belegt die Schweiz im Ländervergleich einen Spitzenplatz. Schon zum Frühstück essen die meisten Schweizer die von der WHO empfohlene Tagesmenge von 25 Gramm an zugesetztem Zucker. (Lactose in der Milch und der Fruchtzucker in Früchten werden nicht dazugezählt.)

Die süsse Gefahr lauert überall. In 75 Prozent aller verarbeiteten Lebensmittel findet man Zucker. Oft gut getarnt als Dextrose, Fruktose, Maltose, Laktose, Süssmolkenpulver oder Gerstenmalzextrakt. Der Grund dafür ist einfach: Zucker, vor allem in Form von Maissirup, ist billig und sorgt in Saucen, Ketchup und Getränken für Geschmack, Konsistenz und Haltbarkeit. Drei Fliegen mit einer Klappe für die Lebensmittelindustrie.Und: Zucker, das hat die Hirnforschung bewiesen, aktiviert die gleichen Hirnareale wie Alkohol und andere Drogen. Vom «weissen Gift» und der «Volksdroge Zucker» ist denn auch gerne die Rede. Zucker ist zu einem Politikum geworden. Zum neuen Lieblingsfeind im Kampf gegen Übergewicht. Grossbritannien führt demnächst eine Strafsteuer auf gesüsste Getränke ein, Mexiko hat es schon wgetan, im Waadtland liebäugelt man ebenfalls mit einer «Zuckersteuer».

Von «Sucht» will Philipp Gerber, Oberarzt für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung an der Zürcher Universitätsklinik, nicht sprechen. Aber es steht für ihn ausser Frage, dass Zucker «suchtähnliches Verhalten» auslösen kann. Gerber: «Beim Zucker entsteht sehr schnell ein Gewöhnungs­effekt, ungesüsste Speisen schmecken dann weniger gut.» Dominique Bachmann hatte während der ersten Wochen ihres zuckerfreien Lebens mit Entzugserscheinungen zu kämpfen: «Ich fühlte mich antriebslos und müde, war schnell gereizt.» Nach drei Wochen kam dann der Turnaround. «Meine Haut wurde reiner, ich fühle mich seither ausgeglichen und fitter.» Auch einige Kilos hat die Bloggerin verloren.

Früher war Zucker ein rares Gut, heute ist er überall

Für Ernährungsexperte Philipp Gerber hat unsere Gier nach Zucker auch mit unserer Vergangenheit zu tun: «Den heutigen Zuckerkonsum hat die Evolution niemals vorgesehen. Früher war Zucker etwas Rares. Im Gegensatz zum bitteren Geschmack signalisiert Süsse uns, dass etwa eine Beere besonders bekömmlich ist.» Zucker ist, massvoll genossen, denn auch kein Problem für unseren Körper. Im Gegenteil: Zum Leben, zum Denken und Bewegen braucht der Mensch Energie – in Form von Zucker. Nur: Ballaststoffreiche Speisen wie Kartoffeln und Getreide liefern diesen Treibstoff bereits ausreichend; wir müssten also keinen reinen Zucker zu uns nehmen. Zumal er uns eher schadet als nützt. Saccharose lässt unseren Blutzucker kurzfristig hochschnellen. Dank des körpereigenen Insulins sackt er dann wieder ab. Wir fallen in ein Loch, sind lustlos, müde und gereizt. Um wieder besser drauf zu sein, greifen wir erneut nach Süssem. Und stecken schon mittendrin im teuflischen Zuckerkreislauf.

Wer jetzt glaubt, mit der «natürlichen» Fructose auf der sicheren Seite zu sein, irrt gewaltig: «Fructose muss über die Leber verarbeitet werden und wird dort in Fett umgewandelt. So macht Fructose nicht nur schneller dick als Saccharose, Fructose stört auch den Stoffwechsel und reduziert zudem das Sättigungsgefühl», erklärt Gerber. Dies gelte aber in erster Linie für die zugesetzte Fructose, wie man sie in vielen Säften, Getränken, Konfitüren oder Müesliriegel finde. Fructose in Obst und Gemüse ist jedoch dank der enthaltenen Ballaststoffe weniger bedenklich. Heute sind sich die Wissenschafter einig: Hoher Zuckerkonsum in Kombination mit wenig körperlicher Bewegung sind die Hauptursachen für Fettleibigkeit, Diabetes, Stoffwechselkrankheiten, zu hohem Blutdruck und Herzkrankheiten.

Zucker als zeitgeistiger Sündenbock für alles?

Mediziner Philipp Gerber betont jedoch, dass der Zucker nicht vorschnell zum Sündenbock gemacht werden sollte. «Zucker allein macht nicht fett.» Trotzdem hält Gerber die Empfehlung der WHO nicht für übertrieben. «Auch wenn 25 Gramm zugesetzter Zucker pro Tag wirklich wenig sind, sollten wir auf dieses Ziel hinsteuern.»

Dominique Bachmann hat dieses Ziel längst erreicht. Seit rund einem Jahr versucht die Zürcherin auf zugesetzten Zucker in ihrem Essen zu verzichten. Mit Erfolg, wie man auf ihrem Blog ohnezucker.ch nachlesen kann, und mit wenig kulinarischen Einschränkungen, wie sie sagt. Sie ernähre sich heute fettreicher, bewusster und vor allem «ohne schlechtes Gewissen». Die Lust auf Süsses sei ihr richtiggehend abhandengekommen. «Wenn ich aus Anstand doch mal ein Stück Schokokuchen esse, dann ist mir das zu süss.» Ihr Umfeld bekehren und belehren will sie nicht. Trotzdem freut es sie, wenn sie beobachtet, dass ihr Freund beim Einkaufen die Zutatenliste seines Lieblingsgetränks auffällig lange studiert.


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: