Die alten Jets sollen in der Luft bleiben

LUFTWAFFE ⋅ Geht es nach dem Bundsrat, soll die Schweiz neue Kampfflugzeuge erhalten. Bis dahin dauert es aber noch Jahre. Eine Expertengruppe schlägt nun vor, sowohl den F/A-18 wie auch den Tiger länger fliegen zu lassen.

22. November 2016, 00:00

Tobias Bär

Die Schweizer Luftwaffe geriet zuletzt in Turbulenzen: Nach mehreren tragischen Unfällen verfügt sie noch über 30 Kampfflugzeuge des Typs F/A-18 und über 53 Tiger – von Letzteren sind nur noch 31 im Einsatz. Die F/A-18 nähern sich dem Ende ihrer Nutzungsdauer, und die Tiger sind veraltet. Im Mai 2014 lehnte das Stimmvolk den Kauf von 22 Gripen-Jets ab (Text unten). Das Votum brachte den Bundesrat aber nicht von der Überzeugung ab, dass die Schweiz auf jeden Fall neue Kampfjets braucht.

Kaum hatte Guy Parmelin die Schlüssel zum Verteidigungsdepartement von seinem Parteikollegen Ueli Maurer übernommen, gab er den Startschuss. Der SVP-Bundesrat beauftragte eine Expertengruppe damit, bis im Frühling 2017 die wichtigsten Fragen rund um die Neubeschaffung zu beantworten. Parmelin erteilte den Experten zudem den Auftrag, die Zukunft der F/A-18-Flotte sowie der Tiger abzuklären. Den zweiten Auftrag hat die Gruppe unter der Leitung von Divisionär Claude Meier nun bereits erfüllt. In einem gestern vorgestellten Zwischenbericht schlägt sie vor, die Nutzungsdauer der F/A-18-Flieger um mindestens fünf Jahre und damit bis 2030 zu verlängern – bis dann soll die Lieferung der neuen Flieger abgeschlossen sein. «So entsteht beim Schutz des Luftraums keine Lücke», sagte Meier. Die F/A-18 sollen so saniert werden, dass sie 6000 Flugstunden absolvieren können. Ohne Anpassungen erreichen die Jets nach 5000 Flugstunden ihr Pensionsalter.

Damit die Flieger über 2025 hinaus in der Luft bleiben können, sind gemäss der Expertengruppe weitere Massnahmen nötig – und diese haben ihren Preis. Die Höhe ist zwar noch unklar, insge-samt sollen die Ausgaben aber maximal 490 Millionen Franken betragen. Zum Vergleich: Der Kauf der Gripen-Jets hätte 3,1 Milliarden gekostet. Alle Massnahmen ändern nichts daran, dass die F/A-18 ab 2025 im Vergleich mit modernen Jets immer stärker abfallen. Für den Luftpolizeidienst eigne sich das Flugzeug aber «mindestens bis 2030 immer noch sehr gut», heisst es im Bericht. Die Expertengruppe kann sich vorstellen, den alternden Jet neben dem Luftpolizeidienst noch anderweitig einzusetzen. Sie prüft die Möglichkeit, das Flugzeug teilweise für den Erdkampf – also die Bekämpfung von Zielen am Boden – auszurüsten. Eine Idee, die selbst von bürgerlichen Sicherheitspolitikern verhalten aufgenommen wird. Ob es sinnvoll sei, den F/A-18 für den Erdkampf auszurüsten, müsse sicher noch «eingehend diskutiert werden», sagt FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger (Aargau). Grundsätzlich gegen eine solche Aufrüstung stellt sich die Zürcher SP-Nationalrätin Chantal Galladé: «Schon während der Gripen-Kampagne konnte mir niemand plausibel erklären, warum die Schweizer Luftwaffe die Fähigkeit haben soll, Bodenziele zu bekämpfen.» Seit dem Ende der Hunter-Kampfjets Mitte der 1990er-Jahre ist die Luftwaffe nicht mehr in der Lage, Bodenziele ins Visier zu nehmen. Der Gripen hätte diese Fähigkeit wieder herstellen sollen. Die angedachte Aufrüstung der F/A-18 würde es erlauben, die Erdkampffähigkeit bereits aufzubauen, bevor die geplanten neuen Jets zum Einsatz kommen. Ob das allerdings sinnvoll sei, lasse sich erst nach einer Kosten-Nutzen-Analyse sagen, meinte Claude Meier, und diese stehe noch aus.

Nicht nur die F/A-18-Jets, auch die Tiger sollen gemäss dem Vorschlag der Experten länger in der Luft bleiben. Dies, obwohl der Bundesrat die Flieger bereits im laufenden Jahr ausser Betrieb nehmen wollte. Auch Claude Meier machte gestern keine Werbung für den Jet: Der Tiger sei für den Luftpolizeidienst kaum noch einsetzbar, «im Luftkampf gegen einen zeitgemässen Gegner wäre er chancenlos». Trotzdem sei man zum Schluss gelangt, dass 26 Tiger-Flugzeuge über 2018 hinaus weiter betrieben werden sollten – und zwar als «Service-Flugzeug» für Nebenaufgaben wie die Überwachung der Radioaktivität in der Luft. So könne der F/A-18 ausschliesslich für die Hauptaufgaben wie den Luftpolizeidienst eingesetzt werden. Dies sei nötig, damit die maximal 6000 Flugstunden pro Jet nicht schon vor 2030 aufgebraucht seien, so die Expertengruppe.

Die Verlängerung der Lebensdauer der F/A-18 solle dem Parlament zusammen mit einem 10-Millionen-Kredit für die Vorbereitung der Kampfjet-Beschaffung im Februar 2017 beantragt werden. Der Schlussbericht soll im Frühling 2017 vorliegen. Parmelin bremste gestern jene Stimmen, die nach der Wahl von Donald Trump eine Beschleunigung verlangt hatten, um der neuen Sicherheitsarchitektur Rechnung zu tragen: «Es wäre das Schlimmste, wenn wir uns jetzt unter Druck setzen liessen.»


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