Ein verwundetes Land

BUNDESPRÄSIDENT ⋅ Seit Monaten beschäftigt das gehässige Duell um den Einzug in die Hofburg die Österreicher. Denen hängt die Politik längst zum Hals heraus. Das ist auch im westlichsten Bundesland Vorarlberg, gleich an der Schweizer Grenze, so.

25. November 2016, 00:00

Dominic Wirth/Vorarlberg

Da sind sie, die Gesichter. Die Grenze ist kaum passiert, Österreich erst ein paar hundert Meter lang, da tauchen sie schon auf: Alexander Van der Bellen, Grüne; Norbert Hofer, FPÖ. Gedruckt auf Plakate, kleine und grosse. An Baumstämme gestellt, um Strassenlaternen gezurrt, mit Holzpfählen in grüne Wiesen gebohrt. Überall stehen sie seit Wochen im Bundesland Vorarlberg, dem westlichsten Zipfel von Österreich. Dort, wo im Rheintal die Schweiz und Österreich aufeinandertreffen. «Vernunft statt Extreme», sagt Van der Bellen auf den Plakaten. «Für Österreich mit Leib und Seele», sagt Hofer. «Wählen! Nicht wundern», sagt Van der Bellen. «So wahr mir Gott helfe», sagt Hofer. Und sie lächeln, wie Politiker das auf Wahlplakaten oft tun, wenn es unbedingt natürlich ausschauen soll.

Pannen ohne Ende

In Dornbirn, der grössten Stadt im Bundesland, lächelt Norbert Hofer – selbstverständlich auch im Zentrum – von einem Plakat. Gleich nebenan liegt die katholische Kirche mit ihren mächtigen Säulen. Rundherum haben Marktleute ihre Stände aufgestellt; es gibt Würste in allen Grössen, Käse, Gemüse. Und jetzt, in dieser Zeit, die ja eigentlich besinnlich sein soll, gibt es auch Adventskränze zu kaufen. Eliane Mayer, die in Wahrheit anders heisst, hat sich einen solchen Kranz in Papier wickeln lassen. Jetzt steht sie da, Mantel, Schal, vielleicht 50 Jahre alt, die Haare blond gefärbt, und ärgert sich über das «Kasperltheater», das ihr Land seit Monaten in Atem hält. «Die ganzen Fehler, das ist doch ein Wahnsinn, eine Katastrophe», sagt sie, die sonst die linke SPÖ wählt und jetzt Van der Bellen. Vor allem, sagt Mayer, solle das alles endlich zu Ende gehen. «Es muss wieder Ruhe einkehren, die Leute können nicht mehr», sagt sie. Und das ist ein Satz, der an diesem Tag im Vorarlberg oft fällt.

Hofer, der Blaue, und Van der Bellen, der Grüne: Diese zwei Gesichter treiben Österreich jetzt schon eine halbe Ewigkeit um. Eigentlich hätte alles schon Ende Mai vorbei sein sollen. Damals setzte sich Alexander Van der Bellen hauchdünn, mit nur 0,7 Prozentpunkten Vorsprung, gegen Hofer durch. Und war damit neuer Bundespräsident. Doch es war dann eben nicht zu Ende, im Gegenteil: Es ging erst richtig los. Die unter­legene rechtspopulistische FPÖ ortete Schlampereien bei der Durchführung der Stichwahl. Der Verfassungsgerichtshof gab ihr Recht und ordnete eine Wiederholung an. Österreich richtete sich auf einen zweiten Wahlgang Anfang Oktober ein. Und dann wurde aus der Peinlichkeit eine regelrechte Blamage: Weil sich bei den Couverts für die Briefwahl der Klebestoff löste, musste der Nachholtermin für die verschlampte Stichwahl auch noch verschoben werden. Nun soll die beispiellose Pannen­serie am 4. Dezember ein Ende finden.

Von Dornbirn aus ein paar Kilometer talabwärts, nach einer Fahrt durch flaches Ackerland und verschlafene Nester, schmiegt sich das Städtchen Bregenz an den Bodensee. Es ist so etwas wie die Perle des Vorarlbergs mit der hübschen Altstadt und der spektakulären Theaterbühne am See, die vor ein paar Jahren sogar die James-Bond-Macher anlockte. Auf dem weiten Platz direkt hinter den hohen Tribünen röhrt der Laubbläser von Alex Egger; der städtische Angestellte schichtet die braune Blätterflut zu braunen Bergen.

Europa schaut nach Österreich

Egger trägt einen Overall und Handschuhe. Unter dem grauen Haarschopf ein strenges, nachdenkliches Gesicht, das sich entschuldigt, weil ihm für ein Wort einfach kein feineres einfällt. «Wir Bürger kommen uns, Pardon, verarscht vor. So ist das», sagt Egger. Er erzählt dann von den Machthabern in Wien, die zu allen schauen, nur dem eigenen Volk nicht. Etwa zu den Flüchtlingen, von denen es zu viele gibt, die erst noch zu viel bekommen. Man soll helfen, das schon. Aber nur denjenigen, die es wirklich brauchen. Und im Moment, so sieht Egger das, kommen auch viele andere. Er klingt wie einer, den Hofer und seine FPÖ auf jeden Fall für sich verbuchen können. Die Partei wettert gerne über das Establishment und die Flüchtlinge, um an Stimmen zu kommen. Doch Egger sagt, er wisse nicht, ob er überhaupt wählen gehe. «Da kriegt sowieso keiner was Schlaues hin», grummelt er. Eigentlich wäre diese Bundespräsidentenwahl gar keine so grosse Sache. Nicht in Österreich und erst recht nicht in Europa. Denn das Amt des Bundespräsidenten ist keines mit politischer Macht, sondern eher das eines Repräsentanten. Doch in diesem Jahr, in dem die Briten den Ausstieg aus der EU beschlossen haben, in dem die Rechtspopulisten auf dem ganzen Kontinent an Terrain gewinnen und Donald Trump in den USA ins Weisse Haus gewählt wurde, ist das anders.

Es geht jetzt auch um Signale. Und wenn in Österreich erstmals ein EU-skeptischer Rechtspopulist in die Hofburg zieht, dann wäre das vor den Wahlen in Deutschland und Frankreich im nächsten Jahr ein Zeichen, wie es die EU derzeit kein bisschen brauchen kann. Europa wird also nach Österreich schauen am übernächsten Sonntag, und es wird sich die Frage stellen: Kippt die Republik nach rechts? Eines steht dabei jetzt schon fest: Österreich ist ein verwundetes Land. Dieses Jahr mit dem endlosen, oft gehässigen Wahlkampf hat seine Spuren hinterlassen und die Unzufriedenheit im Land noch verschärft.

«Grüne Pest, blaue Cholera»

Diese Unzufriedenheit mit der Politik, die zuweilen auch blanke Wut ist: Dar­über redet ganz Österreich derzeit, und auch im Vorarlberg gibt es sie an jeder Ecke. Da ist der Rentner in Dornbirn, der ätzt, man habe die Wahl zwischen «grüner Pest» und «blauer Cholera». Oder die Bregenzerin mit dem zerfurchten Gesicht, die zetert, in Wien seien doch «eh alles Ganoven» am Werk. Und dann gibt es auch jene, die vorschlagen, das Amt des Bundespräsidenten gleich ganz abzuschaffen, «bringt ja eh nix». Im Mai, bei der ersten Stichwahl, wählten im traditionell schwarzen, also bürgerlich-konservativen Vorarlberg etwas über 40 Prozent den Populisten Norbert Hofer. Das waren zwar weniger als in den meisten anderen Bundesländern, aber halt immer noch fast die Hälfte. An diesem Tag findet sich von ihr keine Spur. Die Leute schimpfen zwar über die politische Elite. Doch zu dem, der es mit ihr aufnehmen will, dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer, will sich dann doch niemand so richtig bekennen. Es ist wie so oft mit den Populisten: Wählen tun sie immer nur die anderen. Dass Hofers Chancen gut sind, es ein Kopf-an-Kopf-Rennen wird, zeigen auch die jüngsten Umfragen.

Was dann? Was, wenn bald ein Blauer der formell höchste Österreicher ist? «Das wäre dann ein Zeichen an die Politik, das sie nicht ignorieren kann», sagt ein junger Mann mit Dreitagebart und Hornbrille, der einen Kinderwagen durch die Bregenzer Innenstadt schiebt. Von Hofer hält er gar nichts, aber die Entfremdung zwischen Politik und Volk spürt auch er. «Aufeinander zugehen», das sei die einzige Lösung, wenn Hofer gewinne, sagt er: «Schliesslich sind wir alle Menschen.»


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