Eine Grossbank in der Defensive

CREDIT SUISSE ⋅ Mit einem Verzicht auf einen Teil der Boni haben die Bankchefs auf Kritik reagiert. Doch die Aktionäre geben sich nicht zufrieden. Für die Generalversammlung von nächster Woche drohen sie mit weiteren Bonikürzungen – und der Abwahl von Urs Rohner.
20. April 2017, 00:00

Ernst Meier

Es hätte ein Befreiungsschlag werden sollen: Am Abend vor Karfreitag verkündete die Credit Suisse (CS), dass die Geschäftsleitung «freiwillig auf 40 Prozent der bereits zugeteilten Boni verzichtet» – womit rund 20 Millionen Franken eingespart werden. Die Entlöhnung des Chefs Tidjane Thiam für 2016, als die CS einen Verlust von 2,7 Milliarden Franken verbuchte, schrumpft dadurch um 1,7 Millionen auf 10,2 Millionen Franken.

Auch der CS-Verwaltungsrat war bemüht, wegen der schlechten Geschäftszahlen Zurückhaltung zu demonstrieren. Er gab bekannt, dass die eigene maximale Vergütung auf 12 Millionen Franken belassen wird, statt diese wie zuvor geplant auf 12,5 Millionen Franken zu erhöhen. In der «NZZ am Sonntag» doppelte CS-Präsident Urs Rohner nach: «In intensiven Gesprächen mit den Aktionären hat sich gezeigt, dass die Sensibilität in Entschädigungsfragen dieses Jahr speziell hoch ist», sagte er. Aufgrund dieser Rückmeldungen habe sich die Konzernleitung unter der Führung von Tidjane Thiam entschieden, mit dem freiwilligen Boniverzicht mitzuhelfen, die laufende Restrukturierung der Grossbank erfolgreich umzusetzen.

Die «österliche Verzichtoffensive» der zweitgrössten Schweizer Bank zeigt indessen nicht die erhoffte Wirkung, wie sich zeigt. Der Versuch, die CS im Vorfeld der Generalversammlung (GV) vom 28. April aus dem Schussfeld der Stimmrechtsberater und der öffentlichen Kritik zu nehmen, ist misslungen. Die drei Stimmrechtsberater ISS, Glass Lewis und Ethos empfehlen den Aktionären unverändert, die Vergütungsanträge an der GV abzulehnen. Laut Schätzungen vertreten die drei Organisationen bis zu einem Drittel des CS-Aktienkapitals. Vincent Kaufmann, Direktor der Anlagestiftung Ethos, sieht bei der CS weiterhin keinen Grund, Boni auszuzahlen (siehe Interview).

«Keinen Anspruch auf irgendwelche Boni»

Auch Hans Geiger, früherer Bankenprofessor und Beobachter der Vorgänge bei der CS, schüttelt den Kopf. «Die Credit Suisse spürt bis heute nicht, was die Aktionäre und die Öffentlichkeit stört», sagt Geiger. Die Verluste der letzten beiden Jahre seien zu hoch, und die Entwicklung des Börsenkurses sei derart schlecht, dass «es keinen Anspruch auf irgendwelche Boni gibt», findet er.

Geiger stellt der Bank in Sachen Geschäftskultur und Kommunikation ein schlechtes Zeugnis aus. «In Fachkreisen kann man darüber streiten, ob die Bank zu lang und zu stark auf das Investmentbanking gesetzt hat und besser andere risikoärmere Geschäftstätigkeiten forciert hätte. Doch die aktuellen Probleme bei der CS liegen an einem anderen Ort», bilanziert Geiger. Die Bank versage weitgehend in den weichen Faktoren, zeigt er sich überzeugt: «Das Verhalten, das Auftreten und die Führung sind seit Jahren katastrophal.»

Die Boniverzicht-Aktion ist in den Augen Geigers ein weiteres Beispiel, dass der CS-Verwaltungsrat die Bank nicht zu führen wisse. «Allein schon die Tatsache, dass Urs Rohner sagt, ihn habe der Antrag seiner Geschäftsleitung, sich die Boni zu kürzen, überrascht, sagt schon alles», erklärt Geiger. «Das ist nur noch peinlich.»

Beim norwegischen Staatsfonds hat der Boniverzicht zumindest etwas bewirkt. Der CS-Grossaktionär gab diese Woche bekannt, man werde den Vergütungsanträgen zustimmen. Die CS bleibt trotzdem in der Defensive. Bei der Anlagestiftung Ethos sieht man Chancen, dass der Vergütungsbericht abgelehnt werden könnte. Es käme einer Sensation gleich.


Leserkommentare

Anzeige: