Nachgefragt

«Es geht um das Trauern, Verarbeiten und Anerkennen»

15. April 2017, 00:00

Frau Neff Seitz, im Durchschnitt stirbt in der Schweiz pro Tag ein Kind in der zweiten Schwangerschaftshälfte. Zahlen zu den «Engelskindern» dagegen gibt es nicht, zumal die Dunkelziffer hoch sein dürfte. Sind Sie zufrieden damit, dass künftig auch fehlgeborene Kinder ins Personenstandsregister eingetragen werden können?

Ja, das ist eine sehr gute Lösung. Sie schafft formale Sicherheit, sie bricht das Tabu von Sterben und Tod, das immer noch sehr gross ist, gerade wenn das Kind so früh stirbt – und sendet gleichzeitig ein gesellschaftliches Signal aus.

Welches?

Dass Kinder, die tot geboren wurden, unabhängig davon, wie jung und wie schwer sie waren, anerkannt werden, indem sie zivilstandsamtlich erfasst werden. Das ist nicht nur ein Verwaltungsakt, sondern ein Akt der gesellschaftlichen Anerkennung.

Es geht aber nicht nur um die Eltern, sondern auch um die Kinder.

Unbedingt. Es geht zuerst um das Trauern, dann um das Verarbeiten und schliesslich auch um das Anerkennen. Es wurde ein Kind geboren, das zwar tot ist, aber trotzdem zur Familie gehört. Das hat eine Bedeutung für Eltern, Geschwister und das Umfeld – aber auch eine mit Blick auf die Würde des Kindes und den Respekt vor ihm.

Was kann die Beurkundung darüber hinaus bedeuten?

Der emotionale Wert der formalen Anerkennung ist hoch – sowohl nach innen für die Eltern als auch nach aussen für Angehörige, Freunde usw. Immer unter der Voraussetzung, dass die Eintragung gewollt ist.

Tot geborene Kinder müssen eingetragen werden, fehlgeborene Kinder nicht. Ist die Unterscheidung noch sinnvoll?

Ich sage es aus der Sicht von Eltern, die eine Fehlgeburt erleben, so: Es ist gut, dass sie selber entscheiden können, wie sie mit dem Tod ihres Kindes formal umgehen wollen. Beziehungsweise: Es wäre nicht sinnvoll, durch eine Angleichung der Gesetzgebung an jene im Umgang mit tot geborenen Kindern eine Stigmatisierung der Eltern von fehlgeborenen Kindern zu schaffen.

Die Anerkennungsfrage ist erst in den letzten Jahren aufgekommen. Weshalb?

Das ist zum einen eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich hier manifestiert. Früher hat die Möglichkeit, dass das erwartete Kind während der Schwangerschaft oder rund um die Geburt sterben kann, im Erleben der Eltern selbstverständlich dazugehört. Zum andern ist der Kinderwunsch heute nicht selten auch medizinisch unterstützt. Jedes sechste Paar in der Schweiz ist heute ungewollt kinderlos. Das hat in Bezug auf die Erwartungen an eine Schwangerschaft, aber auch im Umgang mit dem Kindsverlust Auswirkungen.

Was braucht es neben der Möglichkeit der formalen Anerkennung von fehlgeborenen Kindern sonst noch?

Vor allem dies: Vereinfachungen bei der Bestattung dieser Kinder. Ich bin zuversichtlich, dass die einheitliche zivilstandsamtliche Beurkundung zu einer einheitlicheren Praxis von kantonalen und kommunalen Behörden führen wird. Dann braucht es aber auch und vor allem mehr professionale Nachbetreuung für die Eltern von fehlgeborenen Kindern in den Spitälern und durch Hebammen nach Spitalaustritt. Wir dürfen die Eltern in dieser Situation nicht allein lassen. (bbr)

Zur Person

Anna Margareta Neff Seitz (49) ist Hebamme und Trauerbegleiterin. Sie leitet die Fachstelle Kindsverlust in Bern, die seit 2003 das schweizerische Kompetenzzentrum für nachhaltige Unterstützung beim Tod eines Kindes in der Schwangerschaft, während der Geburt und in den ersten Lebensmonaten ist. Die Beratung durch die spendenfinanzierte Fachstelle ist kostenlos und steht allen Menschen offen, unabhängig von ihrer religiösen und politischen Orientierung und der persönlichen Situation, die Anlass für eine Beratung gibt. (www.kindsverlust.ch).


Leserkommentare

Anzeige: