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Es geht uns blendend – wirklich?

21. März 2017, 00:00

Der Schweizer Wirtschaft geht es gut. Die Erwerbslosenquote sinkt, die Unternehmen machen flotte Gewinne, die Kaufkraft des Frankens ist hoch, die Konsumlaune ungebrochen, und plötzlich wächst auch die für unsere Exporte so wichtige Eurozone wieder. Und zu all dem boomt auch noch die Börse seit bald einem halben Jahr. Alles bestens? Alles gut?

Trotz der nackten Wirtschaftszahlen, die eine sehr robuste Entwicklung suggerieren, habe ich den Eindruck, dass viele Schweizerinnen und Schweizer deutlich weniger optimistisch gestimmt sind, als es die nackten Fakten eigentlich nahelegen würden. Die Stimmung ist schlechter als die Realität. So jedenfalls mein Eindruck, wenn ich mich umhöre. Womit hängt das zusammen?

Zwei Faktoren spielen eine eminent wichtige Rolle. Zum einen ist der Frankenschock – allen gegenteiligen Äusserungen zum Trotz – noch längst nicht überall überstanden und verarbeitet. Klar, Grossfirmen, die an der Börse kotiert sind, spüren kaum mehr etwas davon. Sie fahren ihre Gewinne zu einem grossen Teil im Ausland ein, können ihre Einkaufsorganisationen oder auch gewisse Jobs problemlos ins Ausland verlegen. Die Gewinne sprudeln munter weiter – Frankenstärke hin oder her. Ganz anders sieht es bei den KMU aus – dem Herzstück der Schweizer Wirtschaft. Viele KMU sind Zulieferbetriebe für Grossfirmen – und werden von ihren Kunden preislich gnadenlos unter Druck gesetzt. Wer seine Preise nicht senkt oder senken kann, verliert den Auftrag. Noch immer schreiben 25Prozent der Industriefirmen rote Zahlen, ein Drittel verdient ungenügende Margen. Wer keine genügenden Gewinne macht, kann über kurz oder lang nicht mehr investieren, wer nicht investiert, ist nicht innovativ. Und das ist ein Todesurteil. Permanente Innovation ist in einem Hochlohnland die einzige Überlebensgarantie. Viele KMU sind also nach wie vor enorm herausgefordert mit ihrer Kostenstruktur und dem starken Franken, ihr Überleben zu sichern. «Wir haben zu viel zum Sterben und zu wenig zum Überleben», sagte mir kürzlich ein KMU-Unternehmer.

Ein weiterer Faktor kommt dazu, der die Stimmung bei vielen Mitarbeitern senkt und für Druck sorgt. Und der heisst Digitalisierung. Wir alle spüren am Arbeitsplatz, dass unsere Jobs enormen Veränderungen unterworfen sind. Die Digitalisierung verändert nicht nur Jobs, sie vernichtet diese auch im grossen Stil. Nun sagen uns Historiker und Ökonomen, das hat es schon immer gegeben, technologische Umbrüche sind nichts Neues. Das stimmt, hilft aber einer Verkäuferin wenig, die spürt, dass ihre Filiale auf der Abschussliste steht, weil immer mehr Käufe online getätigt werden. In Deutschland ist der digitale Verkaufskanal im Bereich von Kleidern und Schuhen bereits wichtiger als jeder andere stationäre Kanal, also beispielsweise das Warenhaus oder das Fachgeschäft.

Das hat enorme Implikationen auf den Arbeitsmarkt, denn was es jetzt braucht, sind weniger Verkäuferinnen und Verkäufer und mehr Computeringenieure, Webdesigner und Datenanalytiker. Es hilft einer Verkäuferin relativ wenig, wenn man ihr heute sagt, sie müsse morgen eine Computeringenieurin sein. Das wird – bei aller Weiterbildung – nicht funktionieren. Uber bedroht Taxifahrer, Airbnb bringt Hoteliers ins Schwitzen, und Netflix macht TV-Stationen überflüssig. Es gibt unzählige weitere Beispiele. Viele Menschen realisieren, dass die Quali­fikationen, die ihnen lange Zeit ein gutes Auskommen ermöglicht haben, morgen vielleicht überhaupt nicht mehr gefragt sind. Weiterbildung wird nun überall als der Weisheit letzter Schluss angepriesen. Es gibt aber auch Menschen, die spüren, dass sie diese Umschulung nicht mehr schaffen, dass der Sprung in die digitale Ungewissheit zu gross ist. Viele spüren auch direkt an ihrem Arbeitsplatz, dass sie nicht mehr erwünscht sind, oder sie realisieren, dass man sie gar nicht mehr auf Weiterbildungen schickt. Zwar singen viele Firmen das Hohelied auf ältere Mitarbeiter – in der Realität trennen sie sich häufig von diesen. Auch weil sie im Vergleich zu den Jüngeren relativ teuer sind.

Reto Lipp

Moderator SRF-Sendung «Eco»


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