Geldspritze gegen den Ärztemangel

GESUNDHEIT ⋅ Um den Ärztemangel zu bekämpfen, stellt der Bund 100 Millionen Franken zur Verfügung. Nun ist klar, wie das Geld verteilt werden soll: Alle erhalten etwas vom Kuchen.

19. November 2016, 00:00

Maja Briner

Jeder dritte Arzt in der Schweiz stammt aus dem Ausland. Die Ursache dafür ist rasch diagnostiziert: Die Schweiz bildet selbst zu wenige Ärzte aus. «Die Abhängigkeit vom Ausland in der Gesundheitsversorgung ist zu hoch», sagte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann gestern. Besserung verspricht er sich von einer Geldspritze. 100 Millionen Franken gibt der Bund aus, damit mehr Studienplätze geschaffen werden. Das Geld, als Anschubfinanzierung gedacht, fliesst an neun Universitäten und an die beiden ETH, wie der Hochschulrat der Schweizerischen Hochschulkonferenz gestern entschied. Am meisten Geld erhält voraussichtlich die Uni Bern mit 25 Mil­lionen, vor Basel und Lausanne mit je 14 Millionen Franken. Definitiv sind die Zahlen noch nicht: Der Betrag hängt davon ab, wie viele zusätzliche Plätze tatsächlich geschaffen werden und wie viele Studenten ihren Abschluss machen.

Ziel der Offensive ist es, die Zahl der Master-Abschlüsse in Humanmedizin bis ins Jahr 2025 von heute knapp 900 auf 1300 zu steigern. Dazu beitragen sollen einerseits jene Unis, die bereits heute ein Medizinstudium anbieten. Zusätzlich werden vier neue Master-Studiengänge geschaffen – in Luzern, St. Gallen, Freiburg sowie im Tessin. St. Gallen und Luzern kooperieren dabei mit der Uni Zürich. Und auch die beiden ETH in Zürich und in Lausanne steuern ihren Teil dazu bei. Die ETH Zürich bietet bereits ab nächstem Herbst einen Bachelor-­Studiengang in Humanmedizin mit 100 Plätzen an. Bildungsminister Schneider-Ammann sagte, das Engagement der ETH trage der technologischen Entwicklung in der Medizin Rechnung.

Angesichts des Mangels an Hausärzten mag erstaunen, dass auch die technologieorientierten ETH zum Zug kommen sollen. Bernhard Pulver, Vizepräsident der Hochschulkonferenz und Erziehungsdirektor des Kantons Bern, verteidigte den Entscheid: «Wir legen zusätzliches Gewicht auf die Hausarztmedizin. Aber wir dürfen nicht alles darauf setzen. Für den Medizinstandort Schweiz braucht es die ganze Breite.» Pulver sprach von einem «Gesamtpaket», das auf die verschiedenen Landesteile Rücksicht nehme.

Kritik am Aufbau neuer Studiengänge

Doch wäre es nicht effizienter, nur an den bereits bestehenden Fakultäten auszubauen, statt neue Studiengänge zu schaffen? Bildungsminister Schneider-Ammann betonte, der Entscheid über die Verteilung der Gelder sei in einem «föderalistischen, demokratischen Prozess» zu Stande gekommen: Der Bund leiste eine Anschubfinanzierung, «wer mit uns anschieben will und beweisen kann, dass er nachhaltig für mehr Abschlüsse sorgen wird, ist willkommen.»

Ohne auf die einzelnen Projekte einzugehen, stellen manche Politiker diese Strategie in Frage. Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel beispielsweise hält es für sinnvoller, an den Universitäten, die bereits ein Medizinstudium anbieten, mehr Studienplätze zu schaffen. Der Aufwand, um an einer Uni ein neues Medizinstudium für nur wenige Plätze auszubauen, sei sehr gross, gibt sie zu bedenken – und sagt: «Es macht mich stutzig, dass die Unis erst jetzt mit ihren Plänen kommen, das Problem ist ja schon lange erkannt.» Sie vermutet die Bundesgelder als Ursache für das späte Vorpreschen. «Die 100 Millionen haben Gelüste geweckt, in das prestigeträchtige Gebiet einzusteigen», sagt Humbel.

Auch die Solothurner SP-National­rätin Bea Heim fände es sinnvoller, an Universitäten, die bereits ein Medizinstudium anbieten, mehr Studienplätze zu schaffen – statt neue Angebote an anderen Unis aufzubauen. Man müsse mehr gesamtschweizerisch denken, zu viel Föderalismus könne sich die Schweiz in diesem Fall nicht leisten, sagt sie. Neue Studiengänge aufzubauen, sei teuer, gibt Heim zu bedenken. Und ergänzt: «100 Millionen Franken klingt nach viel, gemessen am Bedarf in der medizinischen Ausbildung ist es aber wenig.»

Anders sieht es der Baselbieter SVP-Nationalrat Thomas de Courten: Er verweist darauf, dass es den bestehenden medizinischen Fakultäten nicht gelungen sei, ausreichend Ausbildungsplätze anzubieten. Tatsächlich haben die Unis in den letzten Jahren ihr Angebot bereits ausgebaut. Die Studienplätze an den Unis mit Numerus clausus – Basel, Bern, Freiburg und Zürich – wurden erhöht, von 546 im Jahr 2006 auf zuletzt 793. Das ist ein Anstieg um satte 45 Prozent. Doch es reicht noch nicht aus, um den Bedarf zu decken.

Tausende wollten Medizin studieren

Noch in den 1990er-Jahren klang es ganz anders. «Es ist unbestritten, dass zu viele Ärztinnen und Ärzte ausgebildet werden», schrieb der damalige CVP-Ständerat Carlo Schmid-Sutter (AI) 1994 in einem Vorstoss. Vier Jahre später wurde an mehreren Universitäten – Basel, Bern, Freiburg und Zürich – der bis heute gültige Numerus clausus eingeführt.

Genügend motivierte Medizinstudenten und -studentinnen zu finden, wäre auch heute nicht das Problem: Über 3500 Personen haben dieses Jahr den Eignungstest für das Medizinstudium gemacht – und auf einen der knapp 800 Plätze gehofft. Die Westschweizer Unis wenden den Numerus clausus nicht an, stattdessen wird in den ersten Studienjahren kräftig gesiebt.

Weitere Massnahmen notwendig

Das hat Folgen: Der Anteil der ausländischen Ärzte ist laut der Ärzteverbindung FMH zuletzt nochmals kräftig gestiegen, von 25 Prozent im Jahr 2010 auf 32 Prozent im vergangenen Jahr. Die meisten Ärzte kommen aus Deutschland, dahinter folgen Italien, Österreich und Frankreich. Weitere Herkunftsländer listet die FMH nicht einzeln auf, da die Zahlen zu klein seien. Einen Hinweis gibt die Statistik des Bundes über die anerkannten Diplome. Diese zeigt: Die Zahl der Ärzte aus Osteuropa nahm zuletzt zu. Allein aus Griechenland und Rumänien liessen 2015 je über 100 Ärzte ihr Diplom vom Bund anerkennen. Aus Deutschland wurden über 1100 Diplome anerkannt, ähnlich viele wie in den Vorjahren.

Bis die Schweiz weniger ausländische Ärzte braucht, dürfte es noch einige Zeit dauern. Die FMH geht davon aus, dass das angestrebte Ziel von 1300 Abschlüssen pro Jahr 2025 erreicht werden kann. Da die Weiterbildung zum Facharzt sechs bis sieben Jahre dauert, dürften voraussichtlich ab den 2030er-Jahren ausreichend in der Schweiz ausgebildete Fachärzte vorhanden sein. Laut FMH-Präsident Jürg Schlup ist das ein «wichtiger Schritt, um die Abhängigkeit von ausländischen Fachärzten zu verringern und den selbstverschuldeten Ärztemangel zu korrigieren».

Nach Ansicht von Jürg Schlup wären weitere, flankierende Massnahmen sinnvoll, um den Ärztemangel zu bekämpfen, beispielsweise die Schaffung weiterer ärztlicher Praxisassistenzstellen im ländlichen Raum. Auch könnten die Arbeitsbedingungen noch verbessert werden, etwa durch spitalnahe Kita-Plätze mit überlangen Öffnungszeiten, sagt er.

Ob die neuen Studienplätze an bestehenden Fakultäten oder an neuen Orten geschaffen werden, ist für die FMH hingegen nicht relevant. «Jede Anstrengung, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen, trägt zur Lösung des Ärztemangels bei», sagt Jürg Schlup. «Wie und wo investiert wird, ist für uns weniger wichtig», fügt er an.


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: