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Kurz und bündig – sagen, wie’s ist

16. März 2017, 00:00

Theresa May sticht heraus: In einem Zeitalter, in dem 24-Stunden-News-Zyklen ein konstantes Summen an mehr oder weniger relevanten Nachrichten aussenden, gibt sich die britische Premierministerin bedeckt. Ihre Fernsehinterviews sind sorgsam einstudierte Lektionen in Zurückhaltung. Keine Spur von der oft jovialen und hemdsärmligen Geschwätzigkeit ihrer Vorgänger David Cameron und Tony Blair. Ganz dem Image der Pfarrerstochter entsprechend, vermeidet May verbale Völlerei und drückt sich mit einer fast schon schweizerischen Effizienz und Treffsicherheit fürs Essenzielle aus.

Erfrischend, könnte man denken, in einer Ära, in welcher man vor lauter Mega­fonen kaum mehr die Mitteilung hört. Theresa May hält sich kurz und bündig, sagt’s, wie’s ist, bringt’s auf den Punkt. Mehr und mehr kommt bei mir allerdings der Eindruck auf, dass die britische Regierungschefin mit ihrem eloquenten Minimalismus eine Ernüchterung mit dem Regierungsamt maskiert. Ihre Medienauftritte wirken wohl effizient, aber auch etwas verklemmt und unbehaglich. Das hat seinen Grund: Theresa May ging als EU-Befürworterin ins Referendumsrennen, wenn auch mit einer charaktertypischen Schmucklosigkeit.

Nun sieht sie sich mit einer Brexit-Realität konfrontiert, die ihr als Premierministerin wenig Spielraum lässt. Im Kern ihrer Konservativen Partei sitzt nämlich ein Biest, ein steinharter Kern von Euro-Skeptikern, die ihre Macht seit Jahrzehnten geltend machen, indem sie mit Drohgebärden den Skalp von Margaret Thatcher, John Major und schlussendlich auch David Cameron in die Luft halten. Alle drei Tory-Premierminister weigerten sich, nach der Pfeife dieses ideologischen Hardcores zu tanzen, und bezahlten mit ihrem Job.

May, von unsichtbaren Kräften auf einen harten EU-Ausstieg getrimmt, wird sich hüten, das gleiche Schicksal zu erdulden. «Ambition pulsierte schon immer hinter der zugeknüpften Fassade», beobachtet der ausgezeichnete Polit-Journalist Andrew Rawnsley in einem Artikel über die Premierministerin. «Sie war ungefähr 12, als sie ihre Absicht aussprach, Parlamentsmitglied zu werden.» Ausserdem habe sich May ziemlich angeödet gezeigt, als ihr Margaret Thatcher einen Strich durch die Rechnung machte, das erste weibliche Regierungsoberhaupt des Landes zu werden, schreibt Andrew Rawnsley.

Nun in Downing Street angekommen, scheint es verständlich, dass sie den toxischen euroskeptischen Kern bei guter Laune halten will und sich ihren Brexit-Plan fast 100 Prozent von diesem Flügel ihrer Partei aufdiktieren lässt. Meines Erachtens spielt May hier mit dem Feuer – im direkten Widerspruch zu ihrem Image einer vorsichtigen Abwägerin. Die Schocktaktik eines Doppelrückzuges von Binnenmarkt und Zollunion erscheint mir ökonomisch fahrlässig, wenn nicht halsbrecherisch. In meinen Augen trägt diese Überreaktion die Handschrift jener reaktionären Parlamentarier, die nicht eher ruhen, bis die Zugbrücke raufgezogen und eine aus Bruchstücken historischer Glanzzeiten zusammengebastelte Selbstgerechtigkeit eingekehrt ist. «England, my England!» Nostalgisch gefärbte Visionen eines hehren Alleingangs, der patriotische Herzen höherschlagen lässt und der Welt zeigt, wie ­«great» Britain wirklich ist.

Theresa Mays Status in den Geschichtsbüchern wird davon abhängen, wie sehr sie der Versuchung widerstehen kann, ihre Politambitionen auf den engstirnigen Machtspielen des euroskeptischen Tory-Kerns abzustützen. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihre eigene Stimme findet, sagt, wie’s ist – ohne Drohgebärden im Hinterkopf, sondern mit den besten Absichten für die Zukunft ihres Landes im Herzen.

Gabriel Felder Freier Journalist


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