«Man kommt an Zwingli nicht vorbei»

REFORMATION IN DER SCHWEIZ ⋅ Deutschland feiert im Luther-Jahr 2017 den Thesenanschlag von Wittenberg als Startschuss der Reformation. Doch auch die Schweiz hatte mit Ulrich Zwingli einen Reformator, der das Land nachhaltig veränderte.
25. Februar 2017, 00:00

Dominik Weingartner

Nicht nur Deutschland mit Martin Luther, auch die Schweiz hat mit Ulrich Zwingli ihren grossen Reformator. Der gebürtige Toggenburger nahm als einer der ersten Schweizer Gottesmänner die neuen Ideen aus dem Reich im Norden auf. «Man kommt an Zwingli nicht vorbei, wenn es um die Reformation in der Schweiz geht», sagt der Schweizer Historiker Thomas Maissen, der als Direktor das renommierte Deutsche Historische Institut in Paris leitet, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Zwingli, Sohn eines Bauern und Ammanns, nahm 1506 nach Studien in Wien und Basel seine Arbeit als Pfarrer in Glarus auf. Von dort aus begleitete er Glarner Söldnertruppen in die italienischen Kriege, unter anderem auch in die Schlacht bei Marignano 1515. Zwingli, auch nach der Niederlage gegen Frankreich noch ein glühender Unterstützer des Papstes, musste auf Druck der französischen Sieger 1516 Glarus verlassen.

Predigen gegen Ablass und Wallfahrt

Zwingli trat daraufhin eine Stelle als Leutpriester in Einsiedeln an. Dort zeigte sich dessen Tendenz, gegen katholische Traditionen aufzubegehren. Ausgerechnet in Einsiedeln, dem berühmten Wallfahrtsort, wandte er sich gegen Wallfahrten. Auch gegen den Ablasshandel predigte er an sowie, geprägt durch seine eigenen Erfahrungen in Italien, gegen die Reisläuferei – eine Haltung, die er vom niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam übernommen hatte. Erasmus, der jahrelang in Basel lebte, wurde zum Vorbild der Schweizer Reformatoren. Mit seiner Ausgabe des griechischen Urtextes des Neuen Testaments schuf dieser 1516 die Grundlage der für die Reformation entscheidenden volksnahen Bibelübersetzungen.

1517 kam Zwingli in Kontakt mit den von Luther formulierten Leitsätzen. Nur durch Gottes Gnade erlange der Mensch Heil, wozu er ausser seinem Glauben nichts beitragen könne, schon gar nicht durch gekaufte Ablässe, so der deutsche Reformator. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Lehre Luthers, die Zwingli bald übernahm, war die Begründung der Heilsbotschaft allein in der Heiligen Schrift. Die Papstkirche habe sich eine Mittlerrolle zu Gott angemasst, zu dem man aber allein durch die Bibel und Christus hingeführt werde.

1519 entschied sich Zwingli, die Stelle als Leutpriester am Grossmünster in Zürich anzunehmen. Ein entscheidender Schritt, wie Thomas Maissen sagt. «Zürich war damals der politisch wichtigste Kanton in der Eidgenossenschaft», sagt der Historiker. «Ohne die Konstellation Zwingli und Zürich wäre die Reformation in der Eidgenossenschaft deutlich später erfolgt.»

Verhöhnung katholischer Essensvorschriften

So richtig los geht es in Zürich im Jahr 1522. In diesem Jahr veröffentlichte Zwingli seine erste reformatorische Schrift gegen das Fasten. Der Widerstand gegen diesen katholischen Brauch gipfelte im selben Jahr im berühmten Froschauer Wurstessen, bei dem Zwinglis Anhänger demonstrativ das verbotene Fleisch assen und so die katholischen Essensvorschriften verhöhnten. Doch es blieb nicht beim Bruch des Fastens. Zwingli setzte mit Hilfe der politischen Obrigkeit, auf deren Hilfe er ähnlich wie Luther in Deutschland für die Umsetzung seiner Ziele angewiesen war, die Reduktion auf die Heilige Schrift weitgehend durch. Bis 1525 wurde vieles, was sich nicht in der Bibel belegt fand, in Zürich abgeschafft: Klöster und Mönchs­orden, Zölibat, Heiligenverehrung und Bilderkult, Prozessionen, Orgelspiel und Gemeindegesang. Die sieben Sakramente wurden auf die Taufe und das Abendmahl reduziert. Auch die Zahl der Feiertage wurde drastisch gesenkt.

«Verwaltung des eigenen Seelenheils»

Doch wieso war Zürich damals bereit, die neuen Lehren so schnell zu übernehmen? «Man darf nicht vergessen, dass die Eidgenossenschaft zum Heiligen Römischen Reich gehörte», sagt Thomas Maissen. Zürichs Bewohner seien relativ gebildet und die Stadt wirtschaftlich in ganz Europa stark vernetzt gewesen. «Viele Zürcher waren Gewerbetreibende oder Kaufleute und sich gewohnt, über ihre eigenen Geschäfte Buch zu führen. Da liegt auch die Verwaltung des eigenen Seelenheils nahe», erklärt Maissen.

Diese Eigenschaften trafen auf viele deutsche Städte und auch auf weitere Reformationszentren auf dem Gebiet der heutigen Schweiz zu, wie etwa Bern, Basel, Genf, St. Gallen oder Schaffhausen. Dies war laut Maissen auch ein wesentlicher Faktor dafür, dass sich die Reformation in der Innerschweiz und in ­Luzern, Freiburg und Solothurn nicht durchsetzen konnte: «Die Innerschweiz war bäuerlich geprägt, ihre Hauptexportprodukte waren Vieh und Söldner, und vom Solddienst waren auch die genannten Patrizierstädte abhängig.» Während Zwingli und andere Reformatoren in den gewerblichen Handelsstädten den Solddienst auch wegen des Debakels in Marignano ablehnten, sei der Solddienst stark von katholischen Grossmächten wie Spanien oder Frankreich abhängig geblieben, so Maissen.

Zwei Bündnisse stehen einander gegenüber

Der Konflikt zwischen Anhängern des neuen Glaubens und der katholisch gebliebenen Landesteile sorgte für zahlreiche gewaltsame Auseinandersetzungen in der Eidgenossenschaft. Bis 1529 schloss Zürich mit den ebenfalls protestantischen Städten Konstanz, Bern, St. Gallen, Biel, Mühlhausen, Basel und Schaffhausen sogenannte «christliche Burgrechte», womit sich die Parteien verpflichteten, einander beizustehen, sollte eine Seite wegen ihres Glaubens angegriffen werden. Als Reaktion schlossen die katholischen Orte Luzern, Uri, Schwyz, Zug und Unterwalden zusammen mit Ferdinand von Habsburg-Österreich als Gegenbündnis die «Christliche Vereinigung». Der Habsburger sollte den katholischen Orten im Falle eines Konfliktes mit den kräftemässig überlegenen protestantischen Eidgenossen militärisch beistehen.

1529 drohte die Eskalation. Umstritten war das Bekenntnis zum neuen Glauben in den Gemeinen Herrschaften, allen voran dem Thurgau, und auch die drohende Säkularisierung und Unterstellung des benachbarten Territoriums des Fürstabts unter die reformierte Stadt St. Gallen. Nachdem es auf beiden Seiten zu Hinrichtungen kam, standen sich bei Kappel am Albis die Truppen der beiden Bündnisse gegenüber. Anders als Ulrich Zwingli, der eine militärische Auseinandersetzung befürwortete, setzten die Berner Protestanten erfolgreich auf die Vermittlung der Kantone Glarus, Basel, Solothurn und Schaffhausen, die auch erfolgreich war. So wurde der erste Kappelerkrieg beendet, ohne dass es zu eigentlichen Kampfhandlungen kam.

Zwinglis Ende auf dem Schlachtfeld

Doch lange sollte es nicht beim Frieden bleiben. Ulrich Zwingli forderte weiter, dass die fünf katholischen Orte die freie Predigt in ihren Herrschaftsgebieten erlaubten. Als sich diese weigerten, versuchten Zürich und Bern auf Betreiben Zwinglis mit einer Blockade von Getreide- und Salzlieferungen die Innerschweizer Viehzüchter in die Knie zu zwingen. Aufgrund dieses Druckversuches kam es 1531 zum Bürgerkrieg, wiederum in Kappel am Albis. Es handelte sich dabei um den ersten Religionskrieg der Reformationszeit in Europa. Der Zweite Kappelerkrieg endete mit einer Niederlage für die von Zürich geführten Protestanten. Zwingli selber fiel in dieser Schlacht. Zwinglis Nachfolger in Zürich wurde Heinrich Bullinger, der zu den wichtigsten Theologen des Protestantismus im 16. Jahrhundert zählt.

Mit der Niederlage im Zweiten Kappeler Krieg wurde die Expansion der Reformation in der Deutschschweiz fürs Erste beendet. Doch auch die katholischen Orte waren nicht in der Lage, die grossen reformierten Gebiete zu unterwerfen. Laut Thomas Maissen blieben nur zwei Optionen für die Zukunft: entweder die Eidgenossenschaft aufzulösen oder aber das scheinbar Unmögliche zu versuchen und in einer politischen Gemeinschaft mit zwei verschiedenen Glaubensbekenntnissen zu leben. Der Zweite Kappeler Landfriede schuf dafür die Voraussetzung, indem festgehalten wurde, dass es jedem eidgenössischen Stand selber überlassen wurde, welche Konfession auf seinem Territorium gelten sollte.

Doch mit dem Zweiten Kappeler Landfrieden war die Zeit der konfessionellen Kriege in der Eidgenossenschaft noch nicht vorbei. Die bekanntesten Bürgerkriege sind in diesem Zusammenhang die Villmergerkriege.

Dem Ersten Villmergerkrieg voran ging der Versuch einer Bundesreform im Jahr 1655. Diese sah eine Zentralisierung der Eidgenossenschaft vor. Doch bald fürchteten die Innerschweizer, die der Reform anfänglich positiv gegenüberstanden, eine Schmälerung ihrer Autonomie. Als man sich nicht einigen konnte, eröffnete Zürich Anfang 1656 den Krieg in der Ostschweiz und belagerte die Stadt Rapperswil. Derweil bezwangen die Luzerner in Villmergen die zahlenmässig überlegenen Berner, was den Krieg zu Gunsten der Katholiken beendete. Der Status quo wurde grösstenteils wiederhergestellt.

Erst 1712 wagten es die protestantischen Orte Bern und Zürich wieder, die katholische Vorherrschaft anzugreifen – diesmal mit Erfolg. Der Sieg der Reformierten im Zweiten Villmergerkrieg beendete die katholische Hegemonie in der Eidgenossenschaft.

Wandel vom konfessionellen zum politischen Konflikt

«Bis zur Französischen Revolution hatten alle Konflikte in der Schweiz einen konfessionellen Aspekt», sagt Thomas Maissen. Das gelte bis zu einem gewissen Grad auch noch für den Sonderbundskrieg, aus dem 1848 der moderne Schweizer Bundesstaat hervorging. Doch Maissen relativiert: «Beim Sonderbundskrieg ging es mehr um politische Ideologien und die Souveränität der Kantone denn um die Konfession.» Während die Sonderbundskantone durchwegs katholisch-konservativ waren, kämpften viele andere Katholiken gegen sie auf der Seite der liberalen Gewinner, darunter die rein katholischen Kantone Solothurn und Tessin. «Es war ein Konflikt zwischen Liberalen und Konservativen. Kein Berner wollte den katholischen Kantonen den Protestantismus aufzwingen», so Maissen. Es ging um die Schaffung eines Bundesstaats, was die Souveränität der Kantone beschnitt; das bereitete vor allem den kleinen katholischen Orten Schwierigkeiten.

«Religiöse Identität ist kaum mehr wichtig»

Tatsächlich griff der Bundesstaat in einigen Bereichen in die Glaubensfreiheit der Kantone und ihrer Bürger ein. Das in der Verfassung verankerte Jesuitenverbot galt bis 1973. Doch auch hier relativiert Maissen: «Das Jesuitenverbot war politisch und nicht konfessionell motiviert. Man fürchtete den Einfluss fremder Mächte in der Schweiz und sah die Jesuiten als 5. Kolonne der Kurie in Rom, die für den Sonderbundskrieg verantwortlich seien.»

Der Einfluss des konfessionellen Grabens auf die Politik nahm nach der Schaffung des Bundesstaates ab. «Im Landesstreik 1918 zum Beispiel fragte niemand nach der Konfession», sagt Maissen. Gesellschaftlich hatte die Reformation aber bis tief ins 20. Jahrhundert erhebliche Auswirkungen auf den Lebensalltag. «Noch 1960 war es kaum denkbar, dass ein katholisches Urner Mädchen einen Berner Protestanten heiratete. Das machte man einfach nicht», sagt Maissen. Heute sei das anders: «Die religiöse Identität ist kaum mehr wichtig», glaubt der Historiker.

Hinweis

Als Quelle für diesen Text diente das Buch «Die Geschichte der Schweiz» von Thomas Maissen, erschienen 2015 im hier+jetzt Verlag.


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