Problemfälle im Schnee

ASYLPOLITIK ⋅ 1871 hat die Bevölkerung von Les Verrieres notleidenden französischen Soldaten geholfen. Ab 2018 beherbergt die Neuenburger Gemeinde renitente Asylsuchende. Die Anwohner des «besonderen» Zentrums verstehen die Welt nicht mehr.

18. November 2016, 00:00

Tobias Bär/Les Verrieres

«Wenn Sie mir die Gemeinde nennen, die sagt: ‹Das Renitentenzentrum machen wir bei uns!›, lade ich Sie zum Nachtessen ein.» Diese Worte sagte Justizministerin Simonetta Sommaruga im Juni 2015 im Ständerat. Nun, die Neuenburger Gemeinde Les Verrieres sagt tatsächlich: «Das machen wir!» Vor wenigen Tagen teilte der Bund mit, man habe mit dem Kanton und der Gemeinde eine Absichtserklärung unterzeichnet. Den Begriff «renitente Asylsuchende» scheinen die Bundesbehörden inzwischen zwar zu scheuen, in der Mitteilung ist die Rede von einem «besonderen Zentrum». Doch der Zweck der Unterkunft bleibt derselbe: die Unterbringung von Asylsuchenden, die den ordentlichen Betrieb in den anderen Bundeszentren stören. Bund und Kantone tun sich schon mit der Suche nach regulären Zentren schwer. In Bettwil, in Amden und zuletzt in Seelisberg nahm der Widerstand teils hässliche Züge an. In Les Verrieres zeigt der zuständige Gemeinderat Michel Chariatte, dass sich auch ein solch heisses Thema mit Ruhe und Bedächtigkeit angehen lässt. «Man kann nicht grundsätzlich für die Aufnahme von Flüchtlingen sein und dann sagen: Aber sicher nicht bei uns!»

Der Weg ins Gemeindebüro von Les Verrieres ist lang. Von Neuenburg geht es hoch ins Val de Travers, wo sie das Wermutkraut zu Absinth brennen. Nach der grössten Gemeinde im Tal, Fleurier, führt der Weg weiter hinauf und weiter der französischen Grenze entgegen. Dorthin, wo in diesen Tagen schon eine beachtliche Schneedecke liegt. In Les Verrieres steht zwar ein Bahnhof, die Züge halten hier aber schon seit Jahren nicht mehr. Die Zahl der Einwohner hat sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als halbiert, die Bankfiliale ist geschlossen. Es gibt noch eine Poststelle, einen kleinen Lebensmittelladen, eine Apotheke – und drei Restaurants. «Als ich 1979 hierhergezogen bin, gab es noch 13 Restaurants. Nur mit Mühe konnte man sich vom einen Ende bis zum anderen durchkämpfen», sagt Michel Chariatte. Als Standort für das erste «besondere Zentrum» wurde ein Dorf gewählt, das gegen den Bedeutungsverlust kämpft.

«Die Gegner hören sich unsere Antworten gar nicht an»

Die Unterkunft soll voraussichtlich Anfang 2018 in Betrieb gehen. Im ersten Jahr ist die Kapazität auf maximal 20 Personen beschränkt, danach wohnen bis zu 60 Asylsuchende darin. Der Bund hat die Liegenschaft einem privaten Eigentümer abgekauft. Dieser betrieb im Gebäude ein Sportzentrum, doch die Nachfrage blieb aus. Heute steht die Liegenschaft leer. «Der Besitzer hat sich selber an den Bund gewandt – im Wissen darum, dass die Bundesbehörden auf der Suche nach Asylunterkünften sind», sagt Chariatte. Die lokale Bevölkerung wurde am gleichen Tag wie die breite Öffentlichkeit informiert, an einer Informationsveranstaltung im Dorf. «Die wütenden Wortmeldungen kamen ausschliesslich von den Anwohnern. Die meisten davon sind miteinander verwandt», sagt Chariatte. Auch der Gemeindepräsident Jean-Bernard Wiesland hatte auf die Frage, wo sich denn Gegner des Projekts finden liessen, geantwortet: «Gehen Sie in den Weiler Cernets, dort finden Sie die Familien Rey.» Das Zentrum kommt nicht im Dorf zu stehen, sondern 4 Kilometer weiter nördlich und einige Höhenmeter weiter oben. In Cernets, am Rand dieser Gemeinde am Rand der Schweiz – und dort wohnen eben die Reys.

Als wir uns nach dem Gespräch mit Chariatte dorthin begeben, wo das Zentrum realisiert wird, müssen wir nicht lange nach einem Mitglied der Rey-Familien suchen. Pascal Rey kommt zielstrebig auf uns zu. «Die Parteien waren seit Sommer 2015 miteinander im Gespräch. Man hätte uns früher einbeziehen müssen», sagt der Landwirt, der seit seiner Geburt auf dem Hügel lebt. Reys Bedenken drehen sich um das Thema Sicherheit. Der Schulbus halte vorne an der Kreuzung, einige Kinder müssten das Zentrum so jeden Tag passieren. Gemeinderat Chariatte sagt: «Wir haben schon gesagt, dass wir die Kinder näher am Haus abholen können.» Er könne die Bedenken der Anwohner durchaus nachvollziehen, sagt Chariatte. «Das Problem ist aber, dass sich die Gegner unsere Antworten gar nicht anhören.» Bevor Rey einen besonders scharfen Satz formuliert, sagt er jeweils, er sei «kein Rassist» und «nicht grundsätzlich gegen Flüchtlinge». So etwa vor diesem: «99 Prozent der Flüchtlinge machen keine Probleme, doch 1 Prozent bringt den Terror nach Europa – und diese werden hier oben bei uns wohnen.»

Es kommen keine straffälligen Asylsuchenden

Die Asylsuchenden, die oberhalb von Les Verrieres einziehen werden, sind nicht straffällig geworden, es sind keine Kriminellen. Bundesrätin Sommaruga beschrieb die Kandidaten für das «besondere» Zentrum im Nationalrat so: «Unter renitenten Asylsuchenden verstehen wir Personen – meist Männer –, die den Betrieb stören, die betrunken in die Unterkunft kommen, die andere anpöbeln.» Ausserdem gehe es um Personen, die andere «sexuell belästigen» oder «in Schlägereien involviert sind». Gemäss Angaben des Staatssekretariats für Migration (SEM) erhalten die Bewohner der Unterkunft nur Sachleistungen, das Taschengeld von 3 Franken pro Tag ist gestrichen. Ausserdem gelten strengere Ausgangsbeschränkungen. Die Bewohner werden aber nicht eingeschlossen, sie dürfen die Unterkunft zwischen 9 Uhr und 17 Uhr verlassen. Der Bund sucht noch nach einem zweiten Standort für ein «besonderes» Zentrum, ist bislang aber noch nicht fündig geworden.

«Wir sind die Versuchskaninchen», sagt Rey. «Hier oben dauert der Winter sechs Monate. Aber auch im Sommer stellt sich die Frage, wie die Asylsuchenden hier ihre Zeit totschlagen sollen. Ausserdem liegt die Grenze nur ein paar Minuten entfernt, die können sich ganz einfach absetzen.» Die Gefahr des Untertauchens lasse sich wie bei den anderen Zentren nicht ausschliessen, heisst es dazu beim SEM. Gemeinderat Chariatte verweist seinerseits auf die geplanten Beschäftigungsprogramme und auf die Sicherheitsgarantien, die man von den Behörden erhalten habe. «Ein Nullrisiko gibt es aber nicht.»

Schauplatz des Grenzübertritts der Bourbaki-Armee

Ein Grund dafür, dass sich die Gemeinde trotzdem nicht querstelle, finde sich in ihrer Geschichte, so Chariatte. In Les Verrieres wurde in der Nacht auf den 1. Februar 1871 der Internierungsvertrag der französischen Bourbaki-Armee unterzeichnet, die sich von deutschen Truppen eingekesselt sah. In den folgenden Tagen strömten fast 90000 demoralisierte Soldaten über die Grenze, die Bevölkerung leistete grosszügig Hilfe. An die Ereignisse erinnert heute ein Themenweg, im Hôtel de Ville hängt eine Nachbildung des Luzerner Bourbaki-Panoramas. Den Unterstützern des Zentrums gehe es nicht um die humanitäre Tradition, sagt Rey, sondern nur um Geld. «Abgesehen von Beiträgen für Dienstleistungen wie die Schneeräumung auf der Zufahrtsstrasse erhalten wir vom Bund keine finanzielle Unterstützung», entgegnet Chariatte. Dafür erhält der Kanton Neuenburg jährlich 264000 Franken als Pauschalbeitrag an die Sicherheitskosten.

Die Reys mögen die erbittertsten Gegner des Zentrums sein, doch auch die Passanten im Dorf haben kein gutes Wort dafür übrig: «Wir erwarten nichts Gutes.» – «Wenn sie anderswo Probleme verursacht haben, tun sie das auch hier.» Bis 2005 diente die Liegenschaft schon einmal als Asylunterkunft. Nennenswerte Probleme gab es keine – das sagt Gemeinderat Chariatte, das sagen aber auch die Dorfbewohner. Aber eben: Damals kamen keine Asylsuchenden, die bereits das Etikett «Problemfall» trugen.

«Eine Flüchtlingsfamilie aus Togo hat zu unseren engsten Freunden gezählt», sagt Rey. Ob er sich vorstellen könne, auch unter den Neuankömmlingen Freunde zu finden? «Möglich wärs. Möglich wärs.»


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