Rätselhafte Bekennerschreiben

Ermittlungen Nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund schliessen die Behörden einen islamistischen Hintergrund nicht aus. Ein Terrorismusexperte identifiziert aber mehrere Ungereimtheiten.
13. April 2017, 00:00

Christoph Reichmuth, Berlin

Nicht nur Fussball-Deutschland reagierte auf den Sprengstoffanschlag gegen den Mannschaftsbus von BV Borussia Dortmund (BVB) am Dienstagabend schockiert. Sportteams und Politiker aus dem In- und Ausland bekundeten ihre Solidarität mit dem BVB. Erkenntnisse der Generalbundesanwaltschaft (GBA) zeigen, dass der Club viel Glück hatte: Drei hinter einer Hecke verborgene Sprengsätze verfügten über eine erhebliche Sprengwirkung von mehr als 100 Metern und waren mit Metallstiften bestückt. Einer bohrte sich in die Kopfstütze eines Bussitzes. Der Anschlag verletzte Marc Bartra schwer am Arm; der Verteidiger musste operiert werden. Ein Polizist wurde leicht verletzt. Die Art des Zündmechanismus und des verwendeten Sprengstoffes werden noch kriminaltechnisch untersucht.

Nach dem Anschlag hat die Polizei zwei Verdächtige aus der Islamistenszene identifiziert, es soll sich um einen 25-jährigen Iraker und einen 28-jährigen Deutschen handeln. Ihre Wohnungen wurden durchsucht, der Iraker vorübergehend festgenommen. Die GBA geht von einem terroristischen, möglicherweise islamistischen Hintergrund der Tat aus. Am Anschlagsort wurden drei Bekennerschreiben mit Hinweisen auf eine islamistisch motivierte Tat gefunden. Die Schreiben beginnen mit der Einleitung «Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen», wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet. Weiter gehen sie auf den Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt vom 19. Dezember mit zwölf Todesopfern ein, in einem späteren Abschnitt wird Kanzlerin Angela Merkel für den Tod etlicher Muslime auf syrischem Boden mitverantwortlich gemacht, da sich die Bundeswehr mit Tornado-Aufklärungsflugzeugen am Lufteinsatz gegen die Terrormiliz IS beteiligt. Im Schreiben werden ein Ende der Aufklärungsflüge und die Schliessung der US-Luftwaffenbasis im pfälzischen Ramstein gefordert. Der Brief enthält auch eine Drohung: «Ab sofort» stünden «alle ungläubigen Schauspieler, Sän­- ger, Sportler und sämtliche Prominente in Deutschland und anderen Kreuz­fahrernationen auf Todeslisten» der Terrormiliz.

Untypische Drohungen gegen Schauspieler

Die GBA lässt den Text von Islamwissenschaftern prüfen. Terrorismusexperte Georg Heil äussert Zweifel, ob tatsächlich IS-Anhänger hinter dem Anschlag stehen. Das Schreiben strotzt an einigen Stellen vor orthografischen Fehlern, an anderen sind relativ komplexe Sätze in einwandfreiem Deutsch verfasst. «Solche Formulierungen weisen auf die deutsche Muttersprache hin», sagt Heil. Möglicherweise seien Holperer absichtlich verwendet worden, um den Verdacht auf Ausländer zu lenken. Auch inhaltlich hält Heil das Schreiben zumindest für «sehr verwunderlich. Konkrete politische Forderungen sind für den IS untypisch. Ebenfalls Drohungen gegen Prominente und Schauspieler.» Für den IS untypisch sei zudem ein Schreiben auf Papier am Tatort. «Üblicherweise bekennt sich der IS im Internet zu seinen Taten», sagt Heil. «Ich halte es für gut möglich, dass der Brief fingiert ist.» Die Art des Anschlags gegen einen fahrenden Bus und die Wucht der Detonation lassen laut Heil auf Täter schliessen, die «über ein entsprechendes Wissen zum Bau solcher Sprengsätze verfügen».

Ein im Internet aufgetauchtes zweites Schreiben weist auf einen linksradikalen Hintergrund der Tat hin. Die GBA äussert erhebliche Zweifel an der Echtheit dieser Bekennung.

Trotz der Identifizierung zweier Verdächtiger aus der Islamistenszene ermitteln die Behörden nach wie vor in alle Richtungen. Zwar ist Nordrhein-Westfalen für seine Salafistenszene bekannt. Die Sicherheitsbehörden in Düsseldorf haben im Bundesland 160 Gefährder identifiziert, Menschen also, denen ein terroristischen Anschlag zugetraut wird. Trotzdem wird auch über einen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat spekuliert. In Dortmund hat sich eine starke rechtsextreme Szene etabliert. Ein Szenekenner äussert den Verdacht, dass Rechtsextremisten mit dem Anschlag den Hass auf Islamisten und linke Gruppierungen schüren wollten, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Landtagswahlen vom 14. Mai. Diese gelten als wegweisend für die im September anstehenden Bundestagswahlen.


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