Schulz und das Quartett aus dem Osten

20. März 2017, 00:00

Deutschland Die Bundestagswahl wird von gleich vier Frauen aus der ehemaligen DDR geprägt. Das sei kein Zufall, meint die Wissenschaft. Die Grünen, die Linkspartei, die Alternative für Deutschland und die CDU – diese vier Parteien setzen im Bundestagswahlkampf auf weibliche Kandidaten mit ostdeutscher Vergangenheit: Katrin Göring-Eckhardt (50), aufgewachsen in Thüringen, führt die Grünen zusammen mit Cem Özdemir in die Wahlen vom 24. September dieses Jahres, für die AfD steigt – vorausgesetzt, sie wird beim Parteitag im April zur Spitzenkandidatin gekürt – die aus Sachsen stammende Frauke Petry (41) in den Ring, die Linkspartei setzt neben Dietmar Bartsch auf die 47-jährige, in Thüringen aufgewachsene Philosophin Sahra Wagenknecht – und die seit 2005 regierende Kanzlerin Angela Merkel (62) ist in der Uckermark aufgewachsen und kandidiert im September für die Christdemokraten für eine vierte Amtszeit.

«Wir haben eine grössere Selbstverständlichkeit»

Wissenschaftlich ist die Dominanz der Frauen mit ostdeutscher Vergangenheit schwer erklärbar, dennoch glaubt die Politologin Helga Lukoschat nicht an einen reinen Zufall. «Was die Haltung zu Frauen und Berufstätigkeit von Frauen – auch mit kleinen Kindern – betrifft, haben wir in den neuen Ländern eine viel grössere Selbstverständlichkeit. Ich kann mir vorstellen, dass die vielleicht auch geholfen hat, mit einer gewissen Stärke in politische Karrieren hineinzugehen», sagt die Vorstandsvorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR).

Tatsächlich waren Frauen in der damaligen DDR weit stärker in den Arbeitsprozess eingebunden als Frauen in der damaligen BRD. 1989 lag die Erwerbsquote der Frauen in der DDR bei 78,1 Prozent, rechnet man all jene damals noch in Ausbildung befindliche Frauen hinzu, kommt die DDR auf eine stolze Frauenerwerbsquote von 91,2 Prozent. Zum Vergleich: In der damaligen Bundesrepublik lag die Erwerbstätigkeit der Frauen Ende der 80er-Jahre bei etwa 50 Prozent. Heute hat sich die Erwerbsquote bundesweit angepasst, doch im Osten ist die Erwerbsquote der Frauen bis heute leicht höher als im Westen.

Dass Frauen im damaligen SED-Regime quasi zur Mitarbeit verpflichtet worden sind, lag vor allem an der wirtschaftlichen Schwäche des Bauern- und Arbeiterstaates. Um im Wettbewerb mit dem Westen einigermassen Schritt halten zu können, gab die SED-Führung das Ziel der Vollbeschäftigung auch der Frauen aus.

Krisenerprobte Spitzenkandidatinnen

Um dieses Ziel zu erreichen, leitete die SED-Führung eine Reihe sozialpolitischer Massnahmen wie flächendeckende Kinderbetreuung ein. «Wir sind als Generation aufgewachsen, wo klar ist, dass man Beruf und Familie miteinander verbinden will, wo man sich durchsetzen muss», sagt Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckhardt. Dies sei möglicherweise mit ein Grund für die Dominanz ostdeutscher Frauen im anstehenden Bundestagswahlkampf. So unterschiedlich diese vier Spitzenkandidatinnen politisch sind, gemein ist ihnen, dass sie gewissermassen krisenerprobt sind und den gewaltigen Systembruch vom Sozialismus in den Kapitalismus durchgemacht haben. Die Wochenzeitung «Die Zeit» glaubt, dass es die in der Regel selbstbestimmter lebenden Ost-Frauen nach der Wende einfacher hatten als Frauen in den alten Bundesländern, das nun im Osten entstandene Machtvakuum auszufüllen. «Die Zeit» sieht mit Blick auf die Biografien – Petry und Göring-Eckhardt waren mit Pfarrern verheiratet, Angela Merkel ist in einem evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen – gar ein neues Politikmodell in Deutschland: «Der ostdeutsche Protestantismus hat den westdeutschen Katholizismus unterjocht.»

Christoph Reichmuth, Berlin


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