«Wir müssen den Irak aufteilen»

24. November 2016, 00:00

Kurden Sirwan Barzani, 45, ist der ranghöchste Peschmerga-General. Seine Truppen garantieren den Schutz der Kurdenhauptstadt Erbil.

Wie bewerten Sie die bisherigen Erfolge der Koalition und die Ihrer eigenen Peschmerga-Truppen?

Es waren unsere Peschmerga-Truppen, die in letzten Jahren Frontpositionen auf einer Länge von über 100 Kilometern gehalten haben. Sie haben auch die ersten Verteidigungslinien des IS im Norden und Osten von Mossul durchbrochen. Wir haben der irakischen Armee den Weg nach Mossul geebnet. In die Stadt selbst werden wir nicht eindringen.

Wann rechnen Sie mit der vollständigen Befreiung von Mossul?

Wenn auch von Osten, Süden und Norden angegriffen wird, dann könnte die Stadt in zwei Monaten fallen.

Die meisten Experten erwarten, dass die wirkliche Schlacht erst nach der Befreiung beginnen wird. Besteht eigentlich eine Einigung darüber, wer die Stadt regieren soll?

Nein. Wir Kurden haben auf eine Einigung vor der Offensive gedrängt. Aber die Regierung in Bagdad sagte uns, dass für eine Einigung nach der Befreiung noch Zeit sei. Aus unserer Sicht ist dies ein Fehler. Denn ohne Einigung ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein neuer sogenannter Islamischer Staat entsteht.

Was sollte getan werden?

Um dauernde Stabilität im Irak zu erreichen, müssen wir den Irak aufteilen. In mindestens drei Staaten. So viele Menschen sind seit der Grenzziehung durch die Franzosen und Briten ums Leben gekommen. Weit über eine Million. Über 200000 von ihnen waren Kurden. Diese alte Heirat funktioniert nicht mehr. Wir müssen die Realitäten sehen. In einem vereinten Irak, den die Regierung in Bagdad noch immer anstrebt, wird es niemals Frieden geben.

Anstelle eines Iraks plädieren Sie für drei unabhängige irakische Staaten?

Ganz genau. Neben dem schiitischen und dem kurdischen irakischen Staat, die de facto ja schon bestehen, brauchen wir auch einen sunnitischen Staat Irak. Nur dann werden die Menschen hier dauerhaft in Frieden leben können.

Wann können wir mit dem vom Präsidenten der nordirakischen Kurden, Masud Barzani, angekündigten Unabhängigkeitsreferendum rechnen?

Sobald Mossul befreit worden ist, müssen wir unsere Unabhängigkeit proklamieren.

Erwarten Sie, dass die internationale Staatengemeinschaft einen unabhängigen Kurdenstaat überhaupt anerkennen wird?

Wir wissen, dass es da unterschiedliche Meinungen gibt, ein klares öffentliches Bekenntnis des Westens dazu fehlt bislang. Aber wir haben zahlreiche informelle Zusicherungen erhalten. Auch der neue US-Präsident Donald Trump hat sich positiv hinsichtlich unserer Unabhängigkeit geäussert.

Menschenrechtsorganisationen haben den Peschmerga vorgeworfen, ethnische Säuberungen durchzuführen. Was sagen Sie dazu?

Natürlich werden in jedem Krieg Fehler gemacht. Auch von uns. Ethnische Säuberungen führen wir aber nicht durch. Es stimmt aber, dass wir sunnitischen Arabern aus Sicherheitsgründen nicht gestattet haben, in ihre bereits befreiten Dörfer zurückzukehren. Auch Kurden und Christen müssen noch warten. Viele Regionen sind noch vermint. Überall, das haben Sie bei Ihrem Frontbesuch selbst gesehen, gibt es noch Sprengfallen. Der Krieg, das dürfen Sie nicht vergessen, ist noch längst nicht zu Ende.

Interview: Michael Wrase


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