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Achtung, Filterblase!

20. Juni 2017, 00:00

«So komfortabel, wir leben in einer Blase», singt Katy Perry. In unserer Welt häufen sich die Filterblasen. Die Welt ist zu komplex und anstrengend geworden. Immer mehr Menschen schotten sich ab, nisten sich in eigenen Wunschrealitäten ein. So wie Pippi Langstrumpf: «Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.»

Weitere Beispiele gefällig? Theresa May rief im April ohne Not Neuwahlen aus, weil sie sich sicher fühlte, eine bestehende absolute Mehrheit noch ausbauen zu können. Nun kämpft sie um ihr politisches Überleben. Donald Trump vertwittert die Welt mit seinen kruden Zerrbildern: eine Mauer hilft gegen kriminelle Mexikaner. Impfen verursacht Autismus. China hat den Klimawandel erfunden. Urs Rohner, VR-Präsident der CS, findet eine Erhöhung seines Honorars um 25 Prozent nach dem zweiten Jahresverlust von fast drei Milliarden angemessen. Und Kanye West ist in einer frustrierenden Situation: «Ich bin an einem Punkt, den nicht mal Michael Jackson erreicht hat.»

Verzerrte Wahrnehmungen sind für uns alle eine kon­stante Gefahr. Der «Confirmation Bias» ist gemäss Wissenschaftern «die Mutter aller Denkfehler». Er bezeichnet die Tendenz, neue Informationen so zu interpretieren, dass sie mit den bestehenden Weltanschauungen kompatibel sind. Unser Hirn bastelt sich laufend stimmige Muster zusammen. Gegenbeispiele für die eigenen Theorien dagegen werden gerne ausgeblendet – das Gehirn vergisst sie sogar nach dreissig Minuten aktiv. Damit wir an der widersprüchlichen und komplizierten Wirklichkeit nicht verzweifeln.

Wir alle sind gut darin, neue Informationen so zu filtern, dass unsere bestehenden Auffassungen intakt bleiben. Dieses Problem hat sich mit den Suchalgorithmen von Google, Facebook und Co. massiv verschärft: Suchergebnisse und Newsstream werden so individualisiert, dass nur Informationen angezeigt werden, welche die bisherigen Ansichten bestätigen. Der Nutzer wird zunehmend in einer Filterblase isoliert. Er nimmt damit die Welt nicht mehr in ihrer Komplexität wahr, sondern reduziert auf sein persönliches Zerrbild. Neu ist, dass dies ohne unser Zutun oder Bewusstsein passiert. Selbst wenn wir nichts machen, bekommen wir zunehmend nur noch das geliefert, was wir hören wollen. Ohne zu merken, koppeln wir uns immer mehr von der Realität ab.

In schlimmeren Fällen schweben wir, völlig losgelöst von den Tatsachen, in der Blase der eigenen Echokammer. Unbelastet von Wissen und Wahrheit. Faktenfrei. Beispiele für «alternative facts»? Flugzeugkondensstreifen am Himmel sind «Chemtrails» (also absichtlich ausgebrachtes Gift). Die USA waren nie auf dem Mond. Der US-Geheimdienst steckt hinter 9/11. Elvis lebt (dafür ist Paul McCartney seit langem tot).

Sie können darüber lachen? Hier einige Erkenntnisse der aktuellen Wissenschaft: Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus. Boni sind süsses Gift und verdrängen die intrinsische Motivation – eine Gewinnbeteiligung für alle ist viel besser. Impfen hat substanziell mehr Vorteile als Nachteile. Und eine vegane Ernährung ist nicht ausgewogen. Sollte Ihnen das Lachen vergangen sein: Achtung, Filterblase! Viele Menschen bewegen sich zunehmend in Communities von Gleichdenkenden. Die Ökonomin Noorena Hertz meint dazu: «Finden wir Infos, die unsere Meinung bestätigen, gibt uns das einen Dopamin-Kick wie beim Essen von Schokolade oder beim Sex.»

Wer nicht permanent kritisch den Strom an einmündenden Informationen prüft, läuft mit einer ziemlich schlechten Brille durch die Welt. Charles Darwin trug deshalb in einem Buch systematisch Beobachtungen ein, die seine Theorie nicht bestätigten. Der britische Schriftsteller Arthur Quiller-Couch brachte die Notwendigkeit dieser kritischen Haltung auf den Punkt: «Murder your darlings – töte deine Lieblinge!» Sonst endet man wie Trump & Co. als Autist im Kokon der eigenen Gespinste. Aber ohne Schmetterlings-Happy- End.

Roland Waibel

Leiter des Instituts für Unternehmensführung an der Fachhochschule St.Gallen


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