Barack Obama – Angela Merkels bester Wahlhelfer

26. Mai 2017, 00:00

Berlin Die Gewinnerin heisst Angela Merkel. Anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages diskutierte sie gestern mit Ex-US-Präsident Barack Obama vor dem Brandenburger Tor zum Thema «Demokratie aktiv gestalten». Mit dem gemeinsamen Auftritt ist Merkel in der Vorphase des Wahlkampfes zur Bundestagswahl im September ein Coup gelungen. Einen in Deutschland ähnlich populären Wahlkampfhelfer wie Merkel ihn in Obama gefunden hat, wird ihr Kontrahent, SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz, kaum auftreiben können.

Seine wichtigste Botschaft wurde der Ex-US-Präsident sodann auch gleich zu Beginn der Podiumsrunde los. «Angela war während meiner Präsidentschaft eine meiner Lieblingspartnerinnen», erklärte Obama, um im weiteren Verlauf des Gesprächs seiner Wertschätzung für die Bundeskanzlerin immer wieder Ausdruck zu verleihen.

Scharfschützen auf den umliegenden Dächern

Die Schmeichelei ist eine handfeste Wahlhilfe für Merkel. Denn die «Obamanie» scheint in Berlin ungebrochen. Mit «Welcome home»-Plakaten und ­wehenden US-Flaggen begrüssten vor allem junge Kirchentagsteilnehmer den früheren US-Präsidenten in der deutschen Hauptstadt.

Gemäss Schätzungen der Polizei hatten sich rund 80000 Personen auf dem mit massiven Sicherheitsvorkehrungen geschützten Gelände vor dem Brandenburger Tor versammelt.

Über der Menge kreisten während der gesamten Veranstaltung Helikopter, auf den Dächern der umliegenden Gebäude waren Scharfschützen positioniert. Der Euphorie der Kirchentags­teilnehmer tat all dies keinen Abbruch. Wenn Obama sprach, brach das Publikum in Jubel aus – oft schon, bevor dieser seine Sätze zu Ende sprechen konnte.

Freundschaft mit holpriger Vorgeschichte

So sass eine sichtlich zufriedene Kanz­lerin auf der Bühne in Sichtweite des Reichstagsgebäudes und der US-Botschaft und genoss das Berliner Obama-Spektakel. Obama seinerseits nutzte die Gelegenheit, um sich deutlich von der Politik seines Nachfolgers Donald Trump zu distanzieren und vor allem dessen Einwanderungspolitik aus der Ferne anzugreifen («Wir können uns nicht hinter Mauern verstecken.»).

Seine dringliche Warnung vor dem in Konkurrenz zur Demokratie stehenden «Narrativ des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit» richtete sich deutlich an Europa, aber auch an den neuen Mann in Washington. Vor allem aber war Obama gekommen, um seiner wichtigsten politischen Freundin im Wahlkampf unter die Arme zu greifen.

Dabei war die Freundschaft zwischen Merkel und Obama, aus der die Kanzlerin im Vorwahlkampf nun Nutzen ziehen will, keineswegs vorbestimmt – und das hat auch mit dem Brandenburger Tor zu tun. Schon 2008 hätte Obama diese Kulisse gern für sich genutzt: Mitten im US-Präsidentschaftswahlkampf tourte der damalige US-Präsidentschaftskandidat durch Europa – und wollte auch vor dem Berliner Wahrzeichen sprechen – nicht zuletzt, weil das Brandenburger Tor spätestens seit der Ära von Ronald Reagan («Mr. Gor­bachev, tear down this wall») auch US-amerikanischen Politikern als staatsmännisches Symbol dient.

Doch damals hatte Merkel dem jungen Politaufsteiger dazwischengefunkt. Die erste Berliner Obama-Rede wurde vor die Siegessäule verlegt. Dort fanden sich Ende Juli 2008 bei einer Rekordhitze von 35 Grad mehr als 200000 Personen zusammen und bekundeten auf euphorische Art ihre Sympathie für Obama. Merkel hatte damals ihre Skepsis für diese «Obamanie» kaum verhehlen können. Hier Obamas Pathos, dort Merkels Nüchternheit; hier Obamas sprühender Witz, dort Merkels trockener Humor: Der Bundeskanzlerin war die popstar­artige Ausstrahlung des damals 47-jährigen Charismatikers nicht geheuer.

Heute weiss die pragmatische Kanzlerin den charakterlichen Kontrast zwischen sich und dem früheren US-Präsidenten für ihre Zwecke zu nutzen. Der harmonische Ton des Gesprächs vor dem Brandenburger Tor liess die gegensätzlichen Vorstellungen vor allem in der Migrationspolitik beider Politiker völlig unter den Tisch fallen. So perfektionierten die in ihrem Temperament wie Antipoden wirkenden Spitzenpolitiker gestern regelrecht die Merkelsche Kunst des politischen Ungefähren.

Während Obama Merkels Flüchtlingspolitik als humanitären Erfolg lobte, nutzte die Kanzlerin die Gelegenheit, um eine deutlich restriktivere Asyl- und Migrationspolitik anzukündigen. «Wir müssen denjenigen helfen, die wirklich unsere Hilfe brauchen»: Mit diesem Satz positionierte sich Merkel in der Debatte um sichere Herkunftsländer auf der Seite der Hardliner in ihrer Union.

Auch in Bezug auf die Integrationspolitik nahm Merkel gegenüber Obama eine weitaus konservativere Haltung ein. Während Obama, ohne Donald Trump beim Namen zu nennen, dessen Politik scharf kritisierte und betonte, dass Amerika «zwar eine mehrheitlich christliche Nation, aber auch eine muslimische, eine hinduistische und eine jüdische Nation ist», tat sich die Bundeskanzlerin mit dem Bekenntnis zur religiös pluralistischen Gesellschaft schwer.

Gehört der Islam noch zu Deutschland?

«Wir sind nicht nur zutiefst christlich, sondern auch jüdisch geprägt. Und wir haben viele Muslime bei uns», sagte Merkel über Deutschland und relativierte damit den vom früheren deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff geprägten und von seinem Nachfolger Joachim Gauck bekräftigten Satz «Der Islam gehört zu Deutschland». Dass die Moderatoren an dieser Stelle nicht nachhakten, gehörte zu den zahlreichen vertanen Chancen in der Diskussion, in der sonst auch hätte ergründet werden können, wie sich Merkel die neue deutsche Migrations- und Integrationspolitik konkret vorstellt.

Zu bezeichnenden Momenten kam es aber auch trotz der weitgehend oberflächlichen Fragen der Moderatoren. Etwa, als ausnahmsweise Merkel – und nicht Obama – das Publikum in Heiterkeit versetzte und die Kanzlerin zugleich in charakteristischer Weise Macht­bewusstsein demonstrierte. Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm versuchte, eine Frage an Obama zu richten, indem er ansetzte: «Neben mir sitzt der einst mächtigste Mann der Welt.» Daraufhin korrigierte ihn Merkel: «Neben Ihnen sitze ich.»

Isabelle Daniel, Berlin

www. Videos zum Anlass finden SIe auf: luzernerzeitung.ch/video

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