Beschaffung zu spät ausgeschrieben

19. Mai 2017, 00:00

SBB Es war ein grosser Tag für Stadler Rail. Und der Stolz des Unternehmens aus Bussnang ist mehr als gerechtfertigt, einen Triebzug dieser Komplexität in nur zweieinhalb Jahren gebaut zu haben. Nun braucht es nochmals Zeit für die Zulassung des EC250. Es bleibt ein Wermutstropfen, dass der Giruno als Schweizer Hochgeschwindigkeitszug nicht bereits zur historischen Eröffnung des Gotthard-Basistunnels im Juni 2016 bereit war.

Aber das ist nicht die Schuld von Stadler, sondern eine Folge von langjährigen Problemen und zu späten Ausschreibungen bei der Rollmaterialbeschaffung durch die Schweizer Bundesbahnen. Offenbar hat das Management nicht immer mit der nötigen Weitsicht operiert. Obwohl der Termin für die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels praktisch seit 20 Jahren feststand, gelang es den SBB nicht, innert nützlicher Frist in ausreichender Menge eigenes Rollmaterial zu beschaffen, das in der Schweiz und Italien verkehren kann. Die Folge: Heute stellt die italienische Staatsbahn Tren­italia rund zwei Drittel der Personenzüge im internationalen EC-Verkehr am Gotthard – die SBB einen Drittel. Das verfügbare Rollmaterial ist äusserst knapp. Seit der Entgleisung eines ETR610 von Tren­italia im Bahnhof Luzern im März dieses Jahres hat sich die Situation nochmals zugespitzt. Die Misere am Gotthard ist mittlerweile so alt wie die Geschichte des Baus des Gotthard-Basistunnels. 1993 hofften SBB und Trenitalia, mit dem Gemeinschaftsunternehmen Cisalpino dem Bahnverkehr zwischen Italien und der Schweiz einen neuen Schub zu verleihen. Das Gegenteil passierte. Das Unterfangen geriet zum Flop, vor allem weil der damals eingesetzte Neigezug ETR470 – noch von Fiat Ferroviaria gebaut – zum Pannenzug mutierte. 2009 wurde denn auch das Unternehmen Cisalpino aufgelöst und die Flotte zwischen den SBB und Trenitalia geteilt, der Italienverkehr re-nationalisiert.

Geblieben sind aus diesen Zeiten eine Reihe von ETR610, dem Nachfolgemodell des ETR470. Im Januar 2015 entschieden die SBB, für rund 120 Millionen Franken nochmals vier Neigezüge dieses Typs zu beschaffen, um bis 2020 genügend Züge für den Nord-Süd-Verkehr via Gotthard und Simplon zur Verfügung zu haben. Die ETR610, die vom französischen Hersteller Alstom produziert werden, sind zwar verlässlicher als ihre Vorgänger. Doch immer noch treten technische Schwierigkeiten auf. Dies haben die SBB gerade anlässlich ihrer Bilanzmedienkonferenz in Goldau zu 100 Tagen Gotthard-Basistunnel eingeräumt.

Das Rollmaterial-Problem ist keine Exklusivität im internationalen Nord-Süd-Bahnverkehr. Auch im nationalen Fernverkehr auf der Ost-West-Achse läuft längst nicht alles nach Plan. Im Jahr 2010 vergaben die SBB den grössten Auftrag in ihrer Geschichte an das kanadische Unternehmen Bombardier: 59 Doppelstöcker (Dosto) für 1,9 Milliarden Franken. Auch in diesem Fall hat sich die Auslieferung immer wieder verzögert. Nun soll es aber bald so weit sein. Im Dezember 2017 sollen die ersten FV-Dosto durch die Schweiz rasen – mit vier Jahren Verspätung. (gl)


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