Chinas Dynamik bremst Hongkong

30. Juni 2017, 00:00

Wirtschaft Hongkong verliere zunehmend an Bedeutung, sagt China-Experte Kurt Haerri. Der langjährige Präsident der Handelskammer Schweiz-China betont, dass der Bedeutungsverlust aber nichts mit der Übergabe der 7-Millionen-Stadt an China zu tun habe. «Auch wenn es heute noch eine britische Kolonie wäre, wirtschaftlich spielte Hongkong dennoch nicht mehr so eine grosse Rolle wie vor zwei Jahrzehnten», sagt Haerri. Der Grund ist ein naheliegender: das Erwachen des chinesischen Drachens. «Neben der dynamischen Entwicklung Chinas wurde Hongkong zunehmend verdrängt», so Haerri. Bis in die 90er-Jahre war dies umgekehrt. Hongkong war die Drehscheibe für Firmen im asiatischen Raum. Auch für viele Schweizer Firmen. «Fast alle hatten ihren Sitz für Asien in Hongkong», sagt Haerri. Inzwischen seien viele nach China gezügelt. Peking habe die Unternehmen mit zahlreichen Anreizen angelockt.

Die Bedeutung Chinas misst sich auch am Handelsvolumen zwischen Schweiz und China. Die Schweizer Exporte nach China haben sich seit 1990 verzwanzigfacht. 2016 beliefen sich die Exporte ins Reich der Mitte auf neun Milliarden Franken. Dies hängt auch mit dem Mitte 2014 in Kraft getretenen Freihandelsabkommen zusammen. Dennoch: Nach dem Hongkonger Statistikamt war die Schweiz 2016 der 15.-grösste Handelspartner Hongkongs. Für die Schweiz ist Hongkong nach China und Japan der drittwichtigste Handelspartner in Asien. Via die Efta hat die Schweiz seit 2012 ein Freihandelsabkommen mit Hongkong. Daneben haben nur China, Neuseeland und Chile ein Abkommen mit der Sonderverwaltungszone.

210 Schweizer Firmen mit Niederlassung in Hongkong

Gemäss der hiesigen Zollverwaltung hat die Schweiz 2016 Waren im Wert von 4,8 Milliarden Franken nach Hongkong exportiert. Inklusive Goldbarren, wertvollen Metallen und Edelsteinen sind es gar 18,2 Milliarden Franken. Umgekehrt hat die Schweiz Waren von 3,7 Milliarden Franken (bzw. 10,2 Milliarden Franken) importiert. Laut der Exportförderungsorganisation Switzerland Global Enterprise haben 210 Schweizer Firmen eine Niederlassung vor Ort. Gute Geschäftschancen böten sich insbesondere kleinen und mittleren Schweizer Firmen aus der Bio- und Medizinaltechnik, der Elektronik-, IT- und Multimediaindustrie sowie Firmen aus der Umwelttechnik.

Die grösste Bedeutung hat Hongkong aber in der Finanzbranche. Grossbanken – CS und UBS inklusive – haben in Hongkong grosse Abteilungen aufgebaut. «Der Hongkong-Dollar ist viel einfacher zu tauschen als der Renminbi», sagt Haerri. Grenzüberschreitende Vermögensverwaltung boomt in Hongkong. Ebenfalls stark vertreten ist die Schmuck- und Uhrenindustrie. «In Hongkong kaufen die Chinesen Luxusprodukte ein», sagt Haerri. Zuletzt hat dieses Geschäft aber gelitten: Schweizer Uhrenexporte fielen in den letzten drei ersten Jahresquartalen von 1,133 Milliarden Franken (2015) auf 815 Millionen Franken (2016) und nun auf 777 Millionen Franken (2017). Dies liegt am schwächelnden Tourismusgeschäft. Seit Jahren ist ein Rückgang chinesischer Touristen zu beobachten.

Roman Schenkel


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