Das kleine Gelbe wird 150

BUCHLEGENDE ⋅ Egal, ob man sie liebt oder hasst: Kaum jemand kommt um die gelben Reclam-Bändchen herum. Vier Liebeserklärungen an ein erstaunliches Kulturphänomen.
03. Juli 2017, 00:00

Hansruedi Kugler

Achtung, Klassiker-Alarm! Generationen von Schülern ist das knallige Reclam-Gelb zur Warnfarbe geworden. Immer wenn ein beflissener Lehrer sie mit Goethe und Schiller beglücken oder langweilen wollte, stapelten sich die Reclam-Bändchen auf dem Lehrerpult. Kein anderer Verlag hat eine so intensive Hass-Liebe ausgelöst. Grund zur Liebe bieten die Büchlein allemal: Sie sind billig, passen in jede Jackentasche und bieten von der Philosophie der alten Griechen über mittelalterliche Romane bis zum Libretto von «Madame Butterfly» und zweisprachigen Romanen eine Art Universalbildung.

Imposant sind die Zahlen der ältesten deutschsprachigen Taschenbuchreihe: 5,4 Millionen Exemplare von Schillers «Wilhelm Tell» hat der Reclam-Verlag in 150 Jahren verkauft. Damit ist das Schweizer Nationalepos Rekordhalter bei den legendären gelben Büchlein. Wobei: Das knallige Gelb ist relativ jung. Es wurde erst 1970 eingeführt und ersetzte das Jahrzehnte dominierende Grau. Das erste Büchlein der Universalbibliothek erschien 1867 noch in einer Farbe, die man Rosenholz oder Hellrosa nennen könnte. Es war Goethes «Faust», mit 4,9 Millionen verkauften Exemplaren auf Rang 2 der Reclam-Bestenliste. «Faust» kostete damals zwei Silbergroschen, so viel wie eine Seife oder ein Liter Milch. Erstaunlich: Das Preisverhältnis ist bis heute in etwa gleich geblieben.

Taschenbücher aus dem Verkaufsautomaten

Warum aber startete die Universalbibliothek ausgerechnet 1867? Das Urheberrecht war in Deutschland neu geordnet worden. Texte wurden nun 30 Jahre nach dem Tod des Autors frei. Goethe (1832 gestorben) und Schiller (1805 gestorben) konnten also ohne Tantiemen nachgedruckt werden. Zudem wuchs das Bürgertum in Deutschland und verlangte nach nationalem Lesestoff. Ebenso entstanden Bildungs- und Arbeitervereine, die eigene Bibliotheken gründeten. Klassische Bildung sollte auch in jenen Schichten verbreitet werden, die sich die sonst teuren Büchern nicht leisten konnten. Reclams Taschenbucheihe war schnell sehr beliebt, Jahr für Jahr kamen rund 140 neue Titel hinzu.

Innovation schrieb sich der seit seiner Gründung in Familienbesitz befindliche Verlag gross auf die Fahne. Die Reclam-Bändchen sollten nicht nur praktisch und billig sein, sondern auch einfach erhältlich. 1912 setzte der Verlag deshalb erstmals Verkaufsautomaten ein. Die waren so erfolgreich, dass wenig später über 2000 von ihnen in Bahnhöfen, auf Schiffen, in Spitälern und Kasernen zu finden waren. Sie hatten rund 80 Titel zur Auswahl, sahen aus und funktionierten wie heutige Getränkeautomaten. In den 1930er Jahren beendete der Verlag jedoch wegen hohen Reparaturkosten die Ära der Buchverkaufsautomaten. Nach 1920 werden vermehrt auch Gegenwartsautoren wie Arthur Schnitzler, Heinrich und Thomas Mann, Ricarda Huch oder Gerhart Hauptmann ins Programm aufgenommen.

Geteiltes Deutschland, geteilter Verlag

Das Dritte Reich bedeutete auch für Reclam eine Zäsur. Bücher von jüdischen und politisch missliebigen Autoren wie Heinrich Heine, Stefan Zweig oder Thomas Mann mussten aus dem Programm entfernt werden. Wie im Ersten Weltkrieg gab der Verlag zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eine tragbare Feldbibliothek heraus. Die stossfesten Kästen enthielten 100 Bändchen. Das Leipziger Verlagshaus wurde 1943 beim Luftangriff auf die Stadt ausgebombt. Nach der Teilung Deutschlands gab es plötzlich zwei Reclam-Verlage, die nicht zusammenarbeiteten: in Leipzig für die DDR, schon ab 1947 in Stuttgart für die BRD. Nach der Demontage von Maschinen durch die Sowjets und der Teilenteignung verliess Verleger Ernst Reclam Leipzig und gründete in Stuttgart den Verlag neu mit acht Buchtiteln und produzierte vor allem für Schulen. Die winzige Schrift ist zwar eine Zumutung, aber eine Voraussetzung für die kostengünstige Herstellung. Nach der Wende wurde die Universalbibliothek, der sichere Geldgeber für den Verlag, nur in Stuttgart weitergeführt. Derzeit sind rund 3500 Titel lieferbar.


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