Kopf des Tages

Der Anti-Jobs

IPHONE ⋅ Tim Cook ist seit 2011 CEO von Apple. Den Kultstatus seines Vorgängers vermag er nicht zu erreichen – und das ist ihm auch recht so.
29. Juni 2017, 00:00

Federico Gagliano

Heute vor 10 Jahren bildeten sich in den Vereinigten Staaten die ersten Schlangen vor den Apple-Läden, die sich inzwischen jedes Jahr wiederholen. Jeder wollte ein iPhone – das Gerät, das unseren Alltag revolutioniert hat. «Apple erfindet das Mobiltelefon neu», hiess es damals. Inzwischen weiss man: Das iPhone ist nur die Summe vieler Ideen, die vorher auf verschiedenen Handys zu finden waren. Apple-Gründer Steve Jobs führte diese zu einem Produkt zusammen.

Jobs’ Vision wird seit sechs Jahren von seinem engen Freund Tim Cook weitergetragen. Dieser sprang ein, als sich Jobs gesundheitlicher Zustand verschlechterte – und er blieb, als Jobs wenige Monate später verstarb. Viele zweifelten, ob der heute 56-Jährige in die Fussstapfen des Visionärs Jobs treten konnte, dessen Personenkult schon damals extreme Ausmasse annahm. Doch Cook hat es gar nicht erst versucht. «Steves DNA wird immer Apples Grundlage sein», sagte er in einem Interview mit Bloomberg Anfang Juni. Was die Leute über Cooks Vermächtnis bei Apple sagen werden, interessiere ihn nicht: «Ich hoffe, die Leute erinnern sich an mich als guten und anständigen Mann. Das ist für mich Erfolg.» Steve Jobs’ Ethik solle auch in hundert Jahren als Leitfaden für Apple dienen. In Wahrheit hat Cook den Führungsstil bei Apple grundsätzlich verändert. Vorbei sind die Zeiten, in denen Jobs Mitarbeiter öffentlich demütigte und sich bei allen Details einmischte. Bereits ein Jahr nach seiner Beförderung begann er den Aufbau seiner «harmonischen Arbeitskultur». Darin haben «unangenehme Persönlichkeiten» keinen Platz – beispielsweise der «Mini-Jobs» Scott Forstall. Der Software-Ingenieur wurde lange Zeit von Jobs beschützt, galt aber als unkooperativer Mitarbeiter. Als die Maps-App, für die Forstall zuständig war, floppte, zögerte Cook nicht, ihn loszuwerden. Doch auch die neue Harmonie im Hause Apple ist nicht ohne Kritik: Ein Ex-Mitarbeiter meinte, Apples Fähigkeit zur Innovation habe ihren Ursprung in Spannungen und Meinungsverschiedenheiten.

Tatsache ist: Unter Tim Cook setzt Apple nicht mehr auf Revolutionäres, dafür auf Stabilität. Zwar bekundet er ein Interesse an Innovationen wie virtueller Realität oder selbstfahrenden Autos, Cook lässt aber andere vorpreschen. Dafür konzentriert sich der CEO auf den Ausbau des Apple-Produkt-Universums – mit einigen Fehlschlägen, wie die Apple Watch gezeigt hat. Nebenbei arbeitet Cook an der Verbesserung von Apples Ruf. Das Unternehmen hat seine Spenden für wohltätige Zwecke unter dem neuen CEO deutlich erhöht. Er selbst hat letztes Jahr versprochen, sein gesamtes Vermögen zu spenden – zuerst möchte er seinem zehnjährigen Neffen aber noch die Ausbildung finanzieren. Apple ist mit Cook auch umweltbewusster geworden: 2013 heuerte er die Umweltspezialistin Lisa Jackson an und kritisiert öffentlich Präsident Trumps Umweltpolitik. Cooks Kampf gegen Ungerechtigkeiten zeigt sich auch im Privaten: Mit seinem Coming-out setzte er als erster Top-Manager ein Zeichen.

Es ist wohl der grösste Unterschied zwischen Jobs und Cook: Der neue Apple-Chef spricht viel offener über politische und gesellschaftliche Themen und bezieht auch Stellung. Tim Cooks Verweigerung, in Jobs Fussstapfen treten zu wollen, ist ein cleverer Schachzug. Im Bewusstsein, dass er das Scheinwerferlicht seines Vorgängers nicht von sich weglenken konnte, benutzte er es stattdessen, um auf Probleme aufmerksam zu machen, die ihm nahe am Herzen liegen. Sein Führungsstil wird zwar nie Kultstatus erreichen, zementiert aber dafür immer weiter Apples Platz an der Spitze der umsatzstärksten Unternehmen.


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