Kopf des Tages

Der letzte Auftritt

DERNIERE ⋅ Seit 1992 hat Claude Longchamp alle Abstimmungen für das Schweizer Fernsehen kommentiert. Am Sonntag verabschiedet sich der 60-Jährige vom Bildschirm.
16. Mai 2017, 00:00

«Ich bin nur noch wegen der SVP hier», sagt Claude Longchamp lachend. Wäre deren Referendum gegen das Energiegesetz nicht zu Stande gekommen, wäre der eidgenössische Urnengang im Februar seine Derniere als TV-Kommentator gewesen. Am Sonntag ist es nun aber so weit: Zum 77. und letzten Mal wird Longchamp für das Deutschschweizer Fernsehpublikum das Votum des Stimmvolks einordnen. Seit seinem Debüt im Dezember 1992 stand der Historiker an jedem einzelnen Abstimmungssonntag vor der Kamera. Dazu hat er sieben eidgenössische Wahlen kommentiert.

Die SVP ist auch jene Partei, welche die 25 Jahre von Longchamps TV-Tätigkeit wesentlich geprägt hat. Bei seinem allerersten Einsatz als Kommentator ging es gleich um die grosse Frage des EWR-Beitritts, das Volks-Nein wirkte als Katalysator für den Aufstieg der SVP zur wählerstärksten Partei. «Gleichentags eroberte Rot-Grün die Mehrheit in der Berner Stadtregierung. Es war der Beginn der wachsenden Polarisierung von Stadt und Land.» Longchamp sieht die Querverbindungen, scheinbar mühelos zählt er Jahreszahlen und Abstimmungsresultate auf. Sein Wissen ist ebenso unbestritten wie seine rhetorische Brillanz.

In regelmässigen Abständen gezweifelt wird dafür an der Qualität der Trendumfragen von Longchamps Forschungs­institut GFS Bern. Dies immer dann, wenn das Votum deutlich von den Umfragewerten abweicht. Spricht man Longchamp auf die Kritik an, reagiert er ungehalten. «Unsere Umfragen stimmen. Es sind Momentaufnahmen und Trends, aber keine Prognosen.» Aufgrund der Bestimmungen in der Schweiz fänden die letzten Befragungen jeweils bereits drei Wochen vor der Abstimmung statt, die Entwicklungen in den Tagen vor dem Urnengang blieben so unberücksichtigt.

Hinter der Kritik der letzten Jahre standen auch wirtschaftliche Interessen, Urheber waren meist Branchenkollegen. Der Boulevard schrieb vom «Krieg der Umfrage-Könige». Inzwischen hat GFS Bern lukrative Aufträge an die Konkurrenz verloren. Longchamp hat die operative Leitung im vergangenen Jahr abgetreten und das Institut an zwei langjährige Mitarbeiter verkauft. Bis Ende Monat arbeitet er noch im Teilzeitpensum, dann ist auch dort Schluss.

Longchamp, das ist für viele der Mann mit der Fliege. Zu seinem Markenzeichen kam er aus purer Not. Vor dem ersten Auftritt drängten ihn die Fernsehverantwortlichen dazu, eine Krawatte zu tragen. «Mit Krawatten bin ich aber durch, seit ich in der RS eine Nacht lang den Knopf üben musste – ohne Erfolg.» Blieb als Alternative die Fliege. Inzwischen besitzt Longchamp rund 150 Stück. Vorgebunden, versteht sich. Der Halsschmuck bleibt zu Hause, wenn er sich im Sommer auf Reisen macht. Zuerst geht es allein mit dem Zug durch Europa, dann mit der Partnerin nach Fernost. Und danach? «Ich habe zwei Bubenträume: zum Mond fliegen. Und eine Bar betreiben.» Am Kleidungsstück, das für jeden gepflegten Barkeeper unerlässlich ist, mangelt es Longchamp jedenfalls nicht.

Tobias Bär


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