Die Angst vor Terror reist mit

STUDIE ⋅ Schweizerinnen und Schweizer fühlen sich nach wie vor sicher. Die Angst vor Terroranschlägen beeinflusst jedoch das Reiseverhalten von fast einem Drittel der Bevölkerung, wie eine neue Studie der ETH Zürich zeigt.
27. Mai 2017, 00:00

Michel Burtscher

Paris, Nizza, Brüssel, Berlin, London und nun Manchester: Der Terror ist in den vergangenen Jahren näher an die Schweiz gerückt. Obwohl sie selbst bisher nicht von Anschlägen betroffen war, ist die Bedrohung auch hierzulande gestiegen. Der dschihadistisch motivierte Terrorismus wird gemäss dem jüngsten sicherheitspolitischen Bericht des Bundesrates auch in den kommenden Jahren für die Schweiz die bedrohlichste Form von Terrorismus und Gewaltextremismus bleiben.

Doch trotz dieser angespannten Bedrohungslage fühlen sich die Schweizerinnen und Schweizer immer noch sicher. Das zeigt die Studie «Sicherheit 2017» der Militärakademie und des Center for Security Studies der ETH Zürich, deren Ergebnisse gestern vorgestellt wurden. 93 Prozent der 1200 Befragten gaben an, sich im Allgemeinen «sehr sicher» oder «eher sicher» zu fühlen. Das Sicherheitsempfinden im öffentlichen Raum ist im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht gesunken um 2 Prozent, liegt aber immer noch bei 79 Prozent.

Unterschied zwischen innerer und äusserer Sicherheit

Während sich die Befragten hierzulande also noch immer sicher fühlen, schätzen sie die Entwicklung der weltpolitischen Lage jedoch sehr pessimistisch ein und fühlen sich im Ausland auch unsicherer. So hat die Terrorangst etwa die Reisepläne vieler Schweizer beeinflusst, wie die Studie zeigt. Fast ein Drittel der Befragten gab an, dass Terroranschläge in den vergangenen zwei Jahren einen Effekt hatten auf ihre Ferienplanung (siehe Grafik). Von diesen sagten wiederum 75 Prozent, dass sie Länder meiden, in denen kurz zuvor ein Anschlag verübt worden war. 40 Prozent bleiben aufgrund der Terrorgefahr in Europa, 12 Prozent gaben sogar an, dass sie deswegen nur noch Ferien im Inland machen.

Die Studienergebnisse der ETH-Forscher decken sich mit den Beobachtungen von Urs Wagenseil, Professor am Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern. «Die Sensibilität gegenüber dem Thema Sicherheit beim Reisen hat in den vergangenen Jahren markant zugenommen», sagt er. Das zeigt auch die Umfrage zum «Buchungs- und Reiseverhalten der Schweizer Bevölkerung» der Global Alliance aus dem Jahr 2016. Demnach sind Unruhen und Terror in den Augen der Schweizer momentan das grösste Risiko beim Reisen. Laut Wagenseil ist das ein Trend, der nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen Ländern zu beobachten ist.

Auswirkungen auf inländischen Tourismus nicht nachhaltig

Die Ergebnisse der ETH-Studie spiegeln sich auch im realen Reiseverhalten der Schweizer wider: Nach den Anschlägen in Paris sanken beispielsweise die Passagierzahlen der TGV-Verbindung nach Frankreich markant. Laut Angaben des Schweizer Reiseverbandes waren im vergangenen Jahr Ferien in Ägypten, Belgien, Frankreich, Istanbul und Tunesien weniger gefragt als früher – zum Teil war die Nachfrage geradezu eingebrochen. Beliebt bei hiesigen Touristen waren hingegen Spanien, Kroatien oder Zypern.

Das veränderte Reiseverhalten spüren vor allem Tourismusdestinationen, für die es Alternativen gibt. Die Pyramiden von Gizeh beispielsweise gibt es nur einmal, Badestrände jedoch wie Sand am Meer. «Statt an einen Ferienort in der Türkei gehen die Menschen beispielsweise nach Spanien zum Baden», sagt Wagenseil. Auch der inländische Tourismus profitiert laut ihm kurzfristig von der Terrorangst, weil dann mehr Menschen hier bleiben. Der Effekt ist jedoch nicht nachhaltig: «Anschläge in Europa betreffen den Tourismus in allen Ländern. Menschen aus China, Indien oder den Vereinigten Staaten meiden nicht einzelne Regionen, sondern ganz Europa – auch die bislang als sehr sicher geltende Schweiz», sagt Wagenseil.

Herkunft der Opfer ist ein entscheidender Faktor

Entscheidend dafür, ob Touristen ein Land wegen der Terrorgefahr meiden, ist laut Wagenseil neben der Häufigkeit der Anschläge auch die Herkunft der Opfer. Als Beispiel dafür nennt er das Massaker von Luxor 1997. Terroristen töteten damals in einem Tempel 62 Menschen – darunter 36 Schweizer. Dieser Anschlag habe die Menschen hierzulande noch während vieler Jahre davon abgehalten, nach Ägypten zu reisen, sagt Wagenseil. «Wären keine Schweizer unter den Opfern gewesen, dann hätte der Anschlag wahrscheinlich nicht so grosse Auswirkungen auf das Reiseverhalten gehabt.» In solchen Fällen verpufft der Effekt laut Wagenseil nach einem halben bis ganzen Jahr wieder: «Entweder, weil die Menschen das Ereignis vergessen haben, oder weil sie die Gefahr verdrängen.»

www. Den kompletten Bericht finden Sie auf: luzernerzeitung.ch/bonus

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