Die italienische Schweiz ist für die meisten Romands weit weg

01. Juli 2017, 00:00

Romandie Welsche Politiker beschwören gern die «solidarité latine», wenn sie von der italienischen Schweiz Hilfe erwarten. Doch den meisten Romands scheint das Tessin und erst recht das italienischsprachige Graubünden fast so fern wie Feuerland – etwas zugespitzt gesagt.

Dies hat zuerst einmal geografische Gründe: Die Romandie und die italienische Schweiz grenzen nicht aneinander. Wer von der Genfersee-Gegend ins Tessin fahren will, muss entweder Deutschschweizer oder denn italienisches Gebiet durchqueren. Historisch Interessierte mögen es bedauern, dass die Walliser in den Italienkriegen des 16. Jahrhunderts das Eschental (Val d’Ossola) verloren haben, womit auch die Verbindung zum Tessin unterbrochen wurde. Immerhin: Wer von Brig über Domodossola und das Centovalli nach Locarno fährt, kommt zwar durch italienisches Gebiet, aber das Halbtax- und das Generalabonnement der SBB sind auf dieser Strecke gültig: ein kleiner Trost zwar, aber dennoch ein Trost.

Die Reibung mit den einen, das Vergessen der anderen

Noch grösser als die geografische Distanz ist aber die mentale. Es gibt für die meisten Romands, wenn sie nicht gerade mit der italienischen Schweiz familiär verbunden sind, in der Regel wenig zwingende Gründe, in die italienische Schweiz zu fahren, wenn man etwa von der jährlichen Pilgerreise der Kinomenschen ans Filmfestival von Locarno absieht. Auch die Zahl der Romands, die aus beruflichen Gründen regelmässig Kontakt mit der italienischen Schweiz unterhalten, ist sehr beschränkt. Selbst in Bereichen wie dem Tourismus, der Finanzbranche oder den staatlichen Regiebetrieben stehen die Romands, wenn sie mit der «Aussenschweiz» zu tun haben, in der Regel mit Deutschschweizer Kontaktstellen und Entscheidungszentren in Verbindung. Mit der Deutschschweiz reibt man sich; die italienische Schweiz vergisst man allzu oft.

Die Verbindung ist nicht mehr so eng wie früher

In der umgekehrten Richtung sind die Kontakte etwas intensiver, nicht zuletzt deshalb, weil nach wie vor ein Teil der Tessiner in der Romandie einen Teil ihrer Ausbildung absolviert. Allerdings auch das immer weniger: Seit die italienische Schweiz ihre eigene Universität hat, ist diese Verbindung auch nicht mehr so eng wie in früheren Jahren.

Auch mentalitätsmässig hat die Romandie mit der italienischen Schweiz nicht viel gemeinsam. Die Geschichte trennt sie: Ein Grossteil der welschen Schweiz ist protestantisch geprägt, das Tessin katholisch. Die welsche Schweiz ist viermal grösser als die italienischsprachige und sondert sich gern von der Deutschschweiz ab, viel mehr als das Tessin und die Bündner Südtäler, deren Einwohner auch mit dem Schweizerdeutschen weniger Probleme bekunden. Nur in Einzelbereichen gibt es manchmal gemeinsame Interessen: So sind die Kantone Genf, Waadt, Wallis und Tessin am Erhalt der Pauschalsteuern interessiert, und auch in sozialen Fragen findet man Romands und Tessiner manchmal im gleichen Lager, etwa wenn es um eine staatliche Krankenkasse geht. In der Europafrage hingegen drifteten die beiden Landesteile in den letzten Jahrzehnten eher auseinander.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Eine «lateinische Schweiz» gibt es nur ­insofern, als Romands und Tes­siner eine Sprache lateinischen Ursprungs sprechen – aber Sprache allein kann nicht wirkliche Solidarität stiften. Ein Beispiel: Russen und Polen sprechen ­slawische Sprachen, und doch überwiegt zwischen ihnen das Trennende. Fazit: Auch die «lateinische Schweiz» ist ein Konzept mit wenig Inhalt.

Christophe Büchi, Lausanne


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